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27.09.2014

Wir sind doch alle Individuen

Wie man weiß, versuche ich normalerweise meine kleine Blase im großen WWW Politikfrei zu halten - nicht, wie man mir hoffentlich glauben wird, weil ich keine Meinung habe, sondern einfach nur des tiefes Skeptizimus wegen, der mich in puncto Sinnhaftigkeit von Internetdiskussionen erfüllt.
Trolle mag ich nur in der skandinavischen und Fatasy-Variante, alle anderen können und dürfen sich gerne anderswo die Köpfe einschlagen - wem also nicht gefällt, dass ich die Kommentare in meinem Blog moderiere, der kommentiere einfach nicht.
In dieser Woche habe ich allerdings eine kleine Geschichte zu erzählen, die  thematisch gut zu einem Post von Thomas passt - und vielleicht auch eine Art Ergänzung sein kann, denn wenn es als Mann schwierig ist über Gleichstellung zu schreiben, kann es für XX-Träger ja eigentlich nur einfacher werden...we will see! ;-)

Angefangen hatte es mit der Rede zur Gleichberechtigung in dieser Woche gehalten von Emma Watson als Sonderbotschafterin der UN, die ich hier nochmal zu Wort kommen lassen will, weil sie einfach gut gemacht war:

Zu allererst möchte ich mich dazu mal Thomas berechtigtem Kommentar anschließen, dass die sofort entbrennenden Disskussionen zur Sinnhaftigkeit von "goodwill" Botschaftern und der Bezeichnungsfindung mal wieder zeigen, dass viele Menschen es immer bevorzugen werden über Details zu streiten, um bloß nicht mit der unangenehmen Wahrheit koonfrontiert zu werden, dass es hier um etwas Wichtiges geht. 
Mal ehrlich, wer sich allen ernstes wirklich lieber darüber aufregt, dass in HeforShe "der Mann wieder zuerst kommt", der hat hoffentlich noch genug Energie übrig auch was wirklich nützliches gegen die Benachteiligung von Frauen zu unternehmen, ansonsten muss ich ihm oder ihr leider das Label "nutzloser Troll" verpassen. Jeder Mann, der atmet, lebt und schreit für eine Gleichstellung aller Menschen in der Gesellschaft darf von mir aus gerne im Slogan "zuerst kommen", jeder Disskutierer (egal mit welchem Chromosomensatz) über so nutzlose Details kann wegen mir in seiner traurigen, dunklen Ecke sitzen bleiben, denn er/sie wird die Welt in absehbarer Zeit nicht besser machen.

That said,  würde ich aber gerne noch einen anderen Aspekt aufgreifen, der auch bei Thomas schon anklang: Die verbreitete Tendenz Diskriminierung zu Quantifizieren
In ihrer Rede spricht Ms Watson davon, dass sich auch Männer im 21. Jahrhundert in puncto Diskriminierung nicht mehr "sicher fühlen" können, aber in meinem Kopf konnte ich mir schon das Geschrei anhören, dass sich bestimmt wieder erheben würde: Wie unzulässig dieser Hinweis sei, weil Frauen ja schließlich öfter, länger und grausamer unterdrückt würden.
Diese Art von Quantifizierung begegnet einem oft, und ist unabhängig vom eigentlichen Thema - grade in dieser Woche gab es dazu noch einen Artikel im Mirror, der uns nahelegen wollte, dass die Diskriminierung von Übergewichtigen Menschen keine "echte" Diskriminierung sei, denn  "wirklich diskriminierte Menschen", wie z.B. Schwarze, hätten sich ihr "Schicksal ja nicht selbst ausgesucht". (Hier zu der wunderschön aufgearbeiteten Antwort von danceswithfat)

Selbst wenn wir mal unterstellen, dass der herablassende Unterton ("Schwarze können ja schließlich nichts dafür") nicht beabsichtigt war und festhalten, dass die Botschaft ("Pass dich halt der Gesellschaft an, dann beschimpft dich auch keiner - entscheide dich doch einfach nicht mehr fett, homosexuell, krank oder irgendwie anders zu sein als die "Norm", die wir sehen wollen") jeder einzelnen meiner moralischen Überzeugungen widerspricht, können wir hier doch eine klare Tendenz erkennen:
Es gibt Menschen, die historisch länger, institutionell weitläufiger und körperlich wie seelisch grausamer unterdrückt wurden, als das heute in einigen Ländern und bei einigen Minderheiten der Fall ist. Das sind objektive Kategorien, die ich nachvollziehen kann - ich würde niemals auf einer objektiven Skala behaupten wollen, dass eine dicke Frau, die im Fitnessstudio ausgelacht wird, auf dieselbe Weise leidet, wie die Opfer des Holocaust.

Aber ich stelle mal die dreiste Frage in den Raum: Na und? Macht es das für irgendwen besser?

Das Schlimme an der Quantifizierung von Diskriminierung ist, dass sie zur Aufrechterhaltung des Status Quo angeführt wird (oder als Ausrede einfach nichts zu tun) und daher in meinen Augen nicht nur schädlich, sondern einfach feige ist.
Natürlich gibt es immer irgendwo und irgendwann Beispiele auf der Welt und in der Geschichte, in der Menschen sich noch unaussprechlichere Grausamkeiten zugefügt haben. Aber daraus die Konsequenz zu ziehen, dass alle anderen "sich nicht so anstellen sollen", ist schlicht und ergreifend vermutlich die häufigste und damit hinterhältigste Art von Victim-Bashing, die ich kenne:

- Anderenorts auf der Welt werden Frauen noch gesteinigt, die deutsche Angestellte hat sich also nicht zu beschweren "nur" weil sie für denselben Job weniger verdient, als ihr Kollege.
- Männer haben jahrhundertelang Frauen unterdrückt, wenn also heute ein Mann von seinen Kollegen als "Weichei" beschimpft wird, weil er Elternzeit nehmen will, ist das nicht wirklich Diskrimierung.
- Viele Menschen wurden jahrhunderte lang als Sklaven gehalten, wenn sich also heute eine dicke Frau darüber beschwert, dass wildfremde Menschen sie auslachen oder beschimpfen, ist das nicht wirklich Diskriminierung.

Diese Liste lässt sich noch weiterführen, aber ich hoffe man sieht was ich meine: Der Hinweis darauf, dass an anderen Orten und zu anderen Zeiten Menschen auf andere Weise gelitten haben, macht Diskrimierung im hier und jetzt nicht "weniger schlimm" - oder in der logischen Konsequenz "mehr ok".
Ich kann den gesteinigten Frauen in 10.000km Entfernung nicht direkt helfen, aber ich kann hier und heute einen kleinen Jungen in Schutz nehmen, wenn er ein rosa T-Shirt tragen will.
Ich kann auch 2000 Jahre Unterdrückung nicht ungeschehen machen, aber ich kann in einer Diskussion darauf hinweisen, dass "Das verstehst du nicht, du bist ein Mann" genau in dasselbe Horn stößt, wie "Frauen können nicht Auto fahren".

In meiner perfekten Welt wären wir nicht nur alle Individuen, sondern wir würden auch so wahrgenommen - ohne die "(alle) Frauen können besser mit Emotionen" oder "(alle) Männer denken logischer" Stereotypen, ohne Verweis auf unsere genetische Herkunft oder unseren Körperumfang, ohne Label für unsere Sexualität und vor allem ohne die völlig unnötigen "wir gegen die" Grabenkämpfe, die allen Gruppen zu allen Zeiten immer eigen waren, um ihr Selbst durch ein Feindbild zu definieren. 
Aber bis es soweit ist, können wir zumindest aufhören die Diskriminierung von Individuen kleinzureden, nur weil andere Menschen(gruppen) irgendwo oder irgendwann mal noch mehr zu erleiden hatten. Außerhalb von sterilen Statistiken - oder von mir aus auch sterilen Ethik-Debatten - bringt das niemanden weiter und schütz niemanden davor verletzt und abgewertet zu werden.

Schlimmer geht immer, aber das sollte niemanden aufhalten die Welt wenigstens im Kleinen ein bißchen besser zu machen!

Soviel zum Wort zum vom Sonntag und demnächst dann wieder ein bißchen Montagsfrage und/oder Zwischenstände. :-)
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