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05.11.2009

Betrachtungen zum mündigen Bürgertum

Vielen Menschen mag es noch nie aufgefallen sein, aber eigentlich beschäftigen wir uns tagtäglich mit den Auswirkungen der französischen Revolution.

Nein, keine Angst ich bin nicht irgendwie komisch ver-geekt über Nacht, aber ich lese gerade eine Buchreihe von Sandra Gulland über Josephine (die von Napoleon, nicht die Stripperin mit den Bananen;), die in Tagebuch Form geschrieben ist. Auch wenn sich vieles - und vieles mit Recht - gegen diesen Stil einwenden lässt, kommen, wenn man es gut macht, manchmal durchaus spannende Bücher dabei heraus. Der erste Band, den ich momentan noch auslesen muss, beschäftigt sich vor allem mit dem Ende des Ancien Regime und der Zeit der Revolution. Manche können das Thema vielleicht aus Schultrauma Gründen nicht mehr hören - mein Geschichtsunterricht war glücklicherweise immer so einschläfernt, dass ich keine schädlichen Nebenwirkungen davongetragen habe.;) Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass die ganzen schönen Grundrechte auf die wir uns heute so gerne berufen und auch so selbstverständliche Dinge, wie der sprichwörtliche "gesunde Menschenverstand", freie Bildung, die Trennung von Kriche und Staat (ein anthropologisches Weltbild, wenn man so will), die Grundzüge der Gleichberechtigung, Sklavenbefreiung und was weiß ich noch, in Europa nunmal zuerst von den Revolutionären gedacht, gesagt und verteidigt worden sind.

Wer hat's erfunden? Die Franzosen, jaja...Naja gut sie habens dann auch gleich selber wieder versaut und sich nach dem Massaker von Robbespierre und Konsorten den Mann zum Kaiser - wer will schon König sein^^ - "gewählt", dessen militärische Karriere vor allem darauf aufbaute, dass er allein bereit war mit Kanonen auf Zivilisten zu feuern, aber gut...Erste Versuche gehen halt schonmal in die Hose, frag mal die Chinesen, die haben das mit den Grundrechten bis heute nicht kapiert.

Heute im Laufe des Tages habe ich mich allerdings mal gefragt, ob sich die ganze Mühe und die vielen Menschenleben überhaupt gelohnt haben? Ich kann von dem vielgerühmten aufgeklärten, mündigem Bürgertum manchmal nicht so viel entdecken und freie Bildung scheint ja auch nicht zu funktionieren, unsere neuen Minister mussten nach ihrer Vereidigung gleich mal zum Gottesdienst - medienwirksam natürlich - und über die freie Presse fange ich erst gar nicht, dann wird das hier der nächste Roman!;) Wie die Illias vielleicht "40.000 Zeilen Groll" (so titelte mal die FAZ und ich finds immer noch schön!;)...

Ich saß heute beispielsweise in einem Unternehmberverbandtreffen als schmückendes Beiwerk & Übersetzer für meinen Chef und das war für mich als Tochter und Enkelin von jahrzentelangen Gewerkschaftlern schon recht spannend...man muss kurz den Impuls unterdrücken sich als Klassenverräter zu fühlen.;) Wie zu erwarten schimpfen und lästern natürlich Arbeitgeberverbände über Arbeitsgerichte und Gewerkschaften, ich glaube auf Gewerkschaftstreffen wird das nicht anders laufen. Arschlöcher und wirklich engagierte Menschen mit guten Ideen gibt es wie immer überall.
Trotzdem konnte ich nicht umhin bei einigen Urteilen und neuen Regelungen, die uns vorgestellt wurden stark an dem Sinn und Zweck einer Demokratie zu zweifeln (aber gut ich bin ja auch Royalist, daher;).

So wies man uns beispielsweise darauf hin, dass wir der Polizei keine Einsicht in unsere Personalakten geben müssen, wenn sie keinen Durchsuchungsbefehl mitbringen. Gut, ich als jahrelange Konsumentin von CSI und Tatort wusste das, aber scheinbar lag das Problem auch eher darin, dass in dem konkreten Fall die Polizei selber das nicht wusste bzw darauf bestand, dass es dieses Gesetz nicht gibt. Wenn jetzt schon dein Freund und Helfer anfängt dich zu bescheißen...?^^
Außerdem wurden wir darüber aufgeklärt, dass es "uns" auch bei kompletter Arbeitsverweigerung (sprich stundenlange Privattelefonate, beleidigendes Verhalten etc) eines Praktikanten nicht gestattet ist das Praktikum als "nicht bestanden" zu werten, noch ein schlechtes Zeugniss zu schreiben - genau wie bei Arbeitszeugnissen eben - es sei denn du kannst minutiös jede Telefonminute und jede Beleidigung nachweisen. Da ist man doch gerne Arbeitgeber.
Zu guter letzt - und jetzt bin ich doch bei der Presse, aber das ist einfach eine zu gute Story - warnte man uns mehr oder weniger offiziell davor in nächster Zeit Interview-Anfragen zu Themen wie Kurzarbeit oder Leiharbeit anzunehmen, da davon auszugehen wäre, dass die Berichterstattung zu diesen Themen zu 100% negativ ausfiele.
Mehrere Beiträge, die der WDR beispielsweise zu diesen Themen senden wollte und zu denen auch Interviews mit anwesenden Personalchefs geführt worden waren, entfielen deshalb, weil man keine Arbeitnehmer gefunden hat, die bereit waren sich negativ zu äußern - und positive Beiträge zu sinnvollen Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise entsprächen nicht dem "Zeitgeist" und würden deshalb nicht gesendet.

Gut, mich persönlich überrascht das jetzt wenig, ich glaube die anwesenden Herren und Damen Personalleiter sind vielleicht noch von mehr jugendlicher Begeisterung für unsere schöne neue Medienwelt beseelt, dass sie darauf so pikiert reagiert haben. Meinungen werden heute eben gemacht und nicht mehr ausgelöst, Information ist eine Ware und unterliegt daher dem Grundsatz des Angebots und Nachfrage Prinzips - wenn grade keiner hören will, dass Kurzarbeit gar keine so schlechte Idee ist, weil sie Arbeitsplätze sichert und nicht alle Unternehmenschefs blutsaugende Monster sind, dann sendet man halt nichts Positives, auch wenn das der neutralen Berichterstattung dienen würde.
Wenn die arme Kassiererin sich medienwirksam bei Beckmann dazu auslässt, dass sie ja nur 1,20€ geklaut hat und das dazu noch von ihrer Kollegin und nicht von ihrem Arbeitgeber an sich und dass sie deswegen gar nicht verstehen kann, warum sie wegen Fehlverhaltens und gestörtem Vertrauensverhältnisses gekündigt wird, dann ist plötzlich die Opferrolle ganz neu besetzt und keiner fragt sich mehr wie eigentlich Gesetze formuliert werden müssten, in denen der Diebstahl von 1€ nicht bestraft wird, der von 100€ aber schon? Ich bin ja kein Jurist, aber so eine Entscheidung müsste mit einer großen roten Geschenkschleife mit "Missbrauchseinladung" drauf umwickelt werden.
Scheibar darf man ja auch Kinder vergewaltigen, wenn man nur berühmt genug ist und die ganze Kunstwelt ist dann empört wenn man ein "Genie" vor sowas eklig trivial unästhetisches wie ein Gericht zerren möchte. Da sind wir vom Ancien Regime nicht mehr weit entfernt, nur dass man heute für die Sonderbehandlung nur noch Geld und keinen Titel mehr braucht.

Dass sich allerdings die öffentlich-rechtlichen Medien bei dieser einseitigen Meinungsmache so vordergründig beteiligen, finde ich schon etwas schade. Von RTL Punkt 12 ertwartet man jetzt irgendwie nix anderes, aber vielleicht haben die's auch schon ganz aufgegeben sich mit so schwierigen Dingen wie Tagespolitik zu beschäftigen, wenn die 50ste Schwangerschaft von Heidi Klum und die 5000ste Schönheits-OP von Nicole Kidman ja soviel spannender sind.

Der Personaler von Saint-Gobain brachte das schön auf den Punkt: Und dafür bezahlen wir GEZ für unabhängige Medien?
Ja tun wir. Ich glaube das mit dem mündigen Bürgertum hat sich Rosseau irgendwie einfacher vorgestellt.

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