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06.04.2010

Von der Schwierigkeit einen Charakter zu haben

Ich weiss schon K. wird jetzt wieder sagen "Oh nein, das ist doch bestimmt schon wieder so ein Blogeintrag mit kyptischem Titel und endlosem Text!", wozu ich voller sozialistischer Entrüstung sage: Stimmt!;)
Kann ja sein, dass ich ein wenig zu mitteilsam bin, andererseits muss ich doch mal gegen die Liga der Meinung anschreiben, dass ein privater Blog sowieso keine persönlich wichtigen Details enthält - also die Dinge, die uns leiden lassen, wie ein Hund, oder glücklich machen, wie ein halbgares Schnitzel und meistens in irgendeiner Form mit anderen Menschen zu tun haben;) -, was stimmt, und daher bloggen und Blogs lesen doch Zeitverschwendung ist, was nicht stimmt.

Heute also on my mind und jetzt auf eurem Desktop: Betrachtungen zur Konstitution des menschlichen Charakters.
Natürlich ist mir das wieder beim Schreiben aufgefallen, wie schwierig so ein Charakter sein kann, merkt man nämlich oft erst, wenn man versucht sich einen auszudenken!;)
Ich beziehe mich da mal auf meinen Freund TheOatmeal, der so weise bemerkte, dass manch finktionale Figur nur eine weiße Wand ist, auf die der Leser sein kleines, langweiliges Selbst projezieren soll. Andere Figuren wiederum sind reine Funktionsträger und haben sehr wenig zu tun mit wirklichen Menschen. Mein Lieblingsbeispiel dafür wäre Harry Potter, eine Geschichte voller Funktionsträger und mit sehr wenigen "richtigen" Charakteren. Woran man das erkennt? Habt ihr euch mal gefragt, ob McGonnagal eine Familie hat? Was Flitwicks Hobbys sind? Ob Trelawney einen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplex kompensiert?
Vermutlich nicht und warum nicht? Weil es keine Sau interessiert. Solcherlei Figuren sind nur in der Interaktion mit "dem Helden" bedeutsam, an sich gesehen interessieren sie nicht. Sobald das Spotlight der Handlung weiterwandert, bleiben solche Charaktere im Freeze - tun nichts, sagen nichts und entwickeln sich nirgendwo hin. Wobei die vernachlässigkbare Weiterentwicklung von Charakteren nicht bei Nebenfiguren Halt macht - auch Helden können eine stationäre Klischeeverkörperung sein (Harry ist hier auch wieder ein gutes Beispiel, aber ich dachte jetzt eher an Herr der Ringe;). Der Weise bleibt immer weise, der Feigling immer feige und der Held eben der Held, Punkt, Geschichte aus, Buch zu, Film zuende.

Fantasy ist dafür recht anfällig, aber auch 99,99% der gängigen Beziehungskomödien, Thriller, Action oder Sci-Fi Stories arbeiten zumindest teilweise mit dieser Art von stationären Figuren. Und das ist auch gut so. Denn wo kämen wir hin, wenn jede Nebenfigur noch eine eigene Bühne bekäme, jeder Bösewicht uns erstmal von seiner schweren Kindheit erzählen müsste und jeder Held ein innerlich zerissener Charakter wäre? Richtig, kein Buch unter Bibelumfang und kein Film unter 6 Stunden - will man nicht!;)
Also, wie immer im Leben: Die Mischung macht's. Ein gut ausgewogenes Müsli mit 2/3 interessanter Charaktere und 1/3 leerer Rosinen als Garnitur ist, denke ich, ein guter Anfang. (Bei Harry ist die Verteilung leider eher 50/50, bei Twilight eher 10/90%;).

Beim Rosenfriedhof bin ich gerade dabei ein paar Klischeerollen ein wenig zu verbreitern und ein paar Fieslinge ein wenig weniger unmotiviert zu machen und man glaubt gar nicht wie anstrengend das sein kann - manchmal fühl ich mich wie ein Bildhauer, der einen David meißeln möchte, aber leider erstmal nur einen Granitblock zustande bekommt.;)

Dabei ist mir allerdings etwas aufgefallen - aufgemerkt K., ab hier wirds wieder spannend!;):
Nicht nur, dass man für eine funktionierende Story Figuren braucht, die ein kleines bißchen Leinwand sind, oder eine Funktion ausüben, oder ein Klischee repräsentieren, man findet solche Leute auch im wirklichen Leben.
Scheinbar ist es gar nicht so einfach einen Charakter zu haben, gemessen an der Zahl der völlig Leere Hüllen, die man so trifft (und das nicht mal nur im Fernsehen;) - entweder weil sie sich für nichts interessieren und gegenüber allem, was nichts mit Fernsehen oder Handyklingeltönen zu tun hat, völlig abgestumpft sind, oder noch schlimmer, so angefüllt sind mit Image- und Klischeevorstellungen, das sie gar nicht merken, dass hinter ihrer gewählten Fassade eigentlich ein eigenständiger Kern sein müsste.

Dieser eigenständige Kern macht den Unterschied, ob ich schwarz trage, weil man es in meiner Szene so tut, oder weil es mir gefällt, ob ich 100.000 Paar Schuhe besitze, weil ich Schuhe mag, oder weil die Heldinnen in meinen Chick-Flick Filmen Schuhe mögen, ob ich Fussball kuke, weil mich der Sport interessiert, oder weil man als Mann halt Fußball kukt, ob ich 10.000 Bücher/CDs habe, weil ich gerne Lese/Musik höre, oder weil ich als Intelektueller gelten will, ob ich zum Rafting nach Kanada fahre, weil das zu meinem Image als crazy Individualist passt, oder weil ich wirklich gerne in der Natur unterwegs bin. Die Beispiele sind schier endlos und die Trennlinie mehr als unscharf.
So manche Fassade mag daher sogar so gut sein, dass sie niemals bemerkt wird, aber was passiert mit den wirklichen Menschen, wenn sich das Spotlight der Handlung verlagert? Bleiben die auch einfach stehen, ohne sich weiterzuentwickeln, immer in derselben Rolle und im selben Klischee für immer, als Funktonsträger für die Personen mit den interessanten Leben?
Ist das nicht erschreckend? Ich finde schon.

So soviel zum Wort vom Sonntag, jetzt einen charakterbildenden Kaffee und dann zurück an die Arbeit!;D

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