Publikationen, Projekte, Persönliches

04.07.2010

Sind wir nicht alle ein bißchen Neandertaler?

Manchmal befürchte ich, dass ich zuviele Dokus kuke...den Doku Check erwähnte ich ja schon, aber manchmal habe ich ein wenig Sorge, dass irgendwann soviel Unnützes Wissen in meinem Kopf sein könnte, das kein Sinnvolles Wissen mehr reinpasst...
Andererseits ist so ein unerschöpflicher Fun-Facts und Annekdoten Fundus natürlich unglaublich nützlich - das stopft mit Sicherheit jede Gesprächspause und bietet immer ein Gesprächsthema (oder auch Vortragstraining, je nachdem wie interessiert der Gesprächspartner ist;).

Letztlich allerdings haben wir festgestellt, dass naturwissenschaftliche Dokus tatsächlich auch philosophische Diskussionen anregen können:
Neuste Erkenntnisse zum Neandertaler-Genom haben nämlich gezeigt, dass wir tatsächlich alle ein wenig Neandertaler sind - zumindest in Europa und Asien, bis Afrika und Amerika haben sich die internationalen Rendevouz scheinbar nicht ausgebreitet.
Wir hier in Europa haben also durchschnittlich zwischen 2-4% Neandertal DNA - was bedeutet das jetzt für unser tägliches Leben?
Eigentlich ja nicht soviel, müsste man denken, denn grade mal 3% sind nun nicht so wirklich viel - auch wenn man bei einigen Expenlaren der Spezies Homo Sapiens die Vermutung hegt, dass sich da ein paar mehr Gene durchgesetzt haben dürften - die Fußball WM liefert auch da wieder hervorragendes Anschauungsmaterial...

Interessanterweise bedeutet es aber etwas für die Neandertal-Forschung, denn plötzlich gerät die Forschergilde, die die Begräbnisriten bzw. die vermuteten Kannibalismus-Rituale unserer evolutionären Cousins untersucht, stark unter Druck die "ethische Unbescholtenheit" des Neandertalers zu belegen...warum eigentlich?
Ist es wirklich eine so schreckliche, unvorstellbare Vorstellung, dass Wesen, die immerhin am Rande der Eiszeit lebten, ihre Toten gegessen haben, statt sie einfach verfaulen zu lassen, oder das Fressen den "weniger moralischen" Tieren zu überlassen?
Ich persönlich halte das wieder einmal für einen Beweis, dass auch die besten Wissenschaftler oft nicht in der Lage sind ihre eigenen Vorstellungen und Lebensumstände aus den Bewertungen vergangener Epochen auszuklammern. Wenn man Geschichte studiert, begegnet man diesen Geisteshaltungen leider oft - da wird Rousseau als Frauenfeind verschrien, weil er die Rolle der Frau als "Herrscherin des Haushaltes" definiert und völlig ausser Acht gelassen, das so eine Definiton im Umfeld seiner Zeitgenossen eigentlich schon fast Alice Schwarzer Vergleichswürdig wäre. Oder man nennt die Pharaonen grausame Menschenschinder, weil zehntausende Menschen jahrzentelang an den Pyramiden gebaut haben, ohne ihnen zugute zu halten, dass alle Bauarbeiter und ihre Familien für diese Zeit (oft lebenslang) mit Essen und Unterkunft versorgt wurden - und das dürfte ein besseres Leben gewesen sein, als das antiker Bauern, die immer als erstes verhungern durften, wenn die Ernte schlecht war.

Warum sollten also Wesen, die in einer feindlichen Umgebung für ihr Überleben gegen Mammuts und Säbelzahntiger antreten mussten, gutes Fleisch verkommen lassen? Wenn man sich die Berichte von Flugzeugabstürzen im Dschungel oder Expeditionen in die Arktis so anschaut, ist selbst unsere moralisch so unglaublich unantastbare Zvilisation nicht weit davon entfernt wieder zu diesem Gedanken zurückzukehren.
Ist niemandem mal der Gedanke gekommen, dass solche Dinge wie Pietät, oder auch Schamgefühl, unsere vielen wertvollen moarlischen Bedenken und differenzierten Wertvorstellungen, Luxusgüter sind, die wir uns nur leisten können, weil wir uns um unsere reine physische Lebenserhaltung nur noch wenig - im Vergleich zur Eiszeit gar keine - Sorgen mehr machen müssen? Zu Beginn ihrer (unserer) kulturellen Entwicklung wollten wohl auch die Neandertaler sicherstellen, dass die Kultur überhaupt überlebt - und zimperlich durfte man dabei vermutlich nicht sein.
Die Maya rissen immerhin Sklaven der Herz aus dem Leib, um den Regengott zu besänftigen und die alten Griechen vergewaltigten kleine Jungen, weil sie glaubten damit würde ihre Stärke und Weisheit auf die Jungen übergehen (auf die Idee das Hirn könnte aus dem Schwanz spritzen, können auch nur Männer kommen, oder?!?), aber wehe man behauptet in der Eiszeit hätte der Verzehr von Fleisch zum Begräbnisritual gehört!

Manchmal glaube ich manche Menschen, die so etwas für "unmenschlich" halten und "sich nicht vorstellen können, dass die Vorfahren der Menschen zu so etwas fähig waren" haben entweder noch nie ein Geschichtsbuch gelesen, oder noch nie Fernsehen gekuk, oder das beeindruckenste Ignorama, das man sich vorstellen kann.
Im Gegensatz dazu was der gute Homo Sapiens seinen Artgenossen so anzutun in der Lage ist, finde ich den rituellen Kannibalimus zur Erhaltung der noch lebenden Stammesmitglieder noch eine der praktischeren und nachvollziebareren Maßnahmen...
Kommentar veröffentlichen

Related Topics

Related Posts with Thumbnails