Publikationen, Projekte, Persönliches

29.01.2011

Aufrechte kleine Soldaten. Oder: Warum Geschichte studieren wirklich frustrierend ist.

Ich bin immer wieder beruhigt, wenn ich feststelle, dass mein "Aufreger" Label tatsächlich sehr viel weniger Einträge verzeichnet, als die Spaß&Spiel-Ecke. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass es nicht genug Dinge auf dieser Welt gäbe, über die man sich aufrgen könnte, sondern weil ich prinzipiell denke, man sollte versuchen im Leben Spaß zu haben - die Sorgen der Welt auf die eigenen Schultern zu laden, hilft schlussendlich je weder der Welt noch mir.;)

Manchmal komme ich aber nicht umhin mich unglaublich über die Dummheit mancher Menschen aufzuregen - frei nach Grissom: Ich mag die Menscheit, nur die Menschen gehen mir auf die Nerven! Und more often than not kommen die dümmsten Einfälle der Menschheit inzwischen aus den USA. Mann könnte fast meinen wenn schon sonst im Exportgeschäft nichts funktioniert, möchte man im freiesten Land der Welt zumindest Champion in der Verbreitung dummer Ideen und hirnzersetzender Polemik werden.
Egal ob man politische Gegner mit Hetzkampagnen verfolgt, Bram Stoker Bücher verbrennt, weil man Twilight zur neuen Religion erhaben möchte, oder aus Jugendschutzgründen Elton John und sein Adoptivkind nicht auf dem Cover irgendeines Magazines dulden kann - meist kann man nur noch den Kopf schütteln und sich wundern.

Und wundern muss man sich dann leider auch, wenn plötzlich solche hinrverbrannten Hardliner Ideen ernsthaft in den deutschen Medien diskutiert werden müssen. Wie zum beispiel die Ausfallerscheinungen von Amy Chua, der neuen Kontroverse amerikanischer Hausfrauenzirkel.
Die These ist einfach, wie unglaublich: Der Niedergang des Abendlandes ist einzig und allein in der Verweichlichung unserer Jugend begründet und daher muss man Kinder zum alten Erfolgsdrill zurückführen, der auch dafür sorgt, dass chinesische Kinder allen anderen Kulturen so überlegen sind.
Praktisch bedeutet das völliges Verbot von Höllenmaschienen wie Fernsehen und Playstation, Klavier- oder Violinenzwang und ein Erziehungskonzept, dass einzig auf Angst und Strafe ausgerichtet ist. Weniger als 4Stunden Klavierübungen am Tag resultieren so in einer Stiftung von Lieblingsspielzeug an die Heilsarmee, Widerspruch führt zu Toilettenverbot und jede Form von individueller Willensäußerung zu demütigenden Tiraden über die "Gewöhnlichkeit" und "Nutzlosigkeit" der eignen Persönlichkeit.

Das eine intelliegente Frau (immerhin ist sie Proffessorin geworden) solche Dinge tatsächlich vertreten kann, mag ja schon schlimm genug sein, aber dass man tatsächlich darüber diskustieren muss, ob sie nicht vielleicht Recht haben könnte, frustiert dann nur noch.
Von Platon, über Rosseau bis hin zur 68er Bewegung haben seit Jahrtausenden Menschen versucht dazulegen, dass das bedingungslose "Brechen" von Kindern sie zu funktionierenden, kleinen Soldaten macht, aber nicht zu glücklichen, ausgeglichenen Individuen. Mao, Stalin oder Hitler haben sich auf genau diese Art von Angsterziehung verlassen und irgendwie sollte man doch meinen, dass "die Menscheit" inzischen etwas gelernt hätte. Aber leider lernt man diese Hoffnung ziemlich schnell begraben, wenn man sich näher mit Geschichte beschäftigt.

Was mich an Amy Chuas Buch - nein ich habe es nicht gelesen, nu ihre Interviews zu dem Thema gesehen - und ihren Ansichten besonders ärgert, ist, dass sie als so witzig und selbstironisch gesehen werden will, weil sie offen zugibt, von ihren Kindern zeitweise gehasst worden zu sein und ihre Erziehung nur bis zu dem Punkt durchgesetzt zu haben, an dem ihre jüngere Tochter sich energisch zur Wehr gesetzt hat.
Auch wenn man den Mut ihrer Tochter bewundern muss, kann ich keine Selbstironie darin finden, denn alles was sie damit sagt ist: Ich habe meine Kinder gefordert, ihnen "berufliche" Erfolgserlebnisse verschafft und daher hatten sie die Kraft zu widersprechen.
Das ist keine Ironie, das ist Sozialdarwinismus in seiner reinsten Form - die Starken überleben und wenden sich von ihren Eltern ab, die Schwachen geben ihr eignes Leben auf, aber funktionieren dabei wenigstens.
Wenn das der neue Kurs ist, denn amerikanische Pädagogik einschlagen möchte, dann ist glaube der Niedergang des Abendlandes näher als man denkt.

Und die eigentliche Ironie ist doch wohl, dass sich eine Chinesin ihres kapitalistisch erworbenen Reichtums und ihrer wertvollen Meinungs- und Redefreiheit bedient, um uns ein diktatorisches System als Allheilmittel zu präsentieren, oder?
Würde sie sich wie eine echte chinesische Mutter verhalten, hätten wir wohl nie einen Mucks von ihr gehört und ihre verqueren Meinungen wären uns erspart geblieben.
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