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06.04.2018

Sherlock. Oder: On Filming Thought

Es begibt sich nicht so oft, dass ich über Serien schreibe, es sei denn ich habe mich entschieden sie nicht weiterzuverfolgen, oder ein signifikanter Story Arch ist erkennbar Zuende gegangen. Wobei auf Supernatural seit einiger Zeit beides zutrifft, aber dazu muss ich ein anderes Mal kommen.

Als wir letztlich die 4. und bisher letzte Staffel der BBC Version von Sherlock sahen, fiel mir aber noch ein anderer Grund ein darüber ein paar Worte zu verlieren: Signifikate Änderungen in Tone und Character.


Es gibt ja inzwischen einen Sherlock für jeden Geschmack und jede Interpretation hat sicherlich ihre guten und wenigre guten Umsetzungspunkte, aber ich mag die BBC Serie vor allem dafür, dass sie unfassbar innovative Wege findet Dinge zu filmen - auch (oder vor allem) in den schwächeren Folgen, in denen ich ansonsten am Pacing, Plot oder Logik rummäkeln würde, finden sich Kamerafahrten, Einstellungen und kreative Ideen, die mein kleines Herz erfreuen.*

Dem Nerdwriter geht es übrigens auch so und wir haben eine gemeinsame Liebslingsfolge in Folge 04/02.;-)




Vieles davon hat damit zu tun, wie man Gedankengänge filmt - denn seien wir ehrlich, den Conan Doyle Sherlock, möchte niemand auf der Leinwand oder im Fernsehen sehen.
Ein "Superheld", der so wenig menschlich ist, dass er nichtmal einen eigenen Körpergeruch hat und der seine Fälle in einer Art von disinterested detachment löst, die man fast schon als grausam gegenüber seinen Mitmenschen verstehen muss, ist einfach kein Identifikationsmaterial und bei aller Faszination auch nicht Serientauglich. Man stelle sich ein Drehbuch strikt nach Vorlage vor:
Sherlock kauert sich in eine Zimmerecke, setzt sich einen Schuss, die Kamera bleibt auf seinem unbewegten Gesicht, während im Hintergrund eine Uhr die verfliegenden Stunden anzeigt. Dann steht er auf und erläutert die Lösung des Falles, während Watson in regelmäßigen Abständen 'Erstaunlich' ruft.

Um also einen Charakter wie Sherlock greifbarer zu machen, müssen interne Prozesse sichtbar werden und das macht die BBC einfach soviel besser, als alle Vergleichversionen - und ich mag Bilbo Watson einfach lieber als Lucy Lu, nur weil irgendwas mit Frauen gemacht wird, macht es das bei aller feministischen Soildarität noch nicht zwangsläufig besser.;-)

Falls man sich im Übrigen fragt, warum das so angefressen klingt, ich musste sehr viel Sherlock Holmes für meinen Abschluss in Literaturwissenschaft lesen und ich fühle mich heute noch immer unliebsam daran erinnert, wenn ich Dr. Who sehe - jede Geschichte läuft irgendwie auf dasselbe hinaus, ohne dass eine erkennbare Charakterentwicklung stattfindet. (Ja, ich mache mich gerne bei großen Fandoms beliebt;-)

Die "Neuzeit" Sherlocks sind also - dankenswerterweise - weniger statisch, weniger inhuman (im technischen Sinne des Wortes) und weniger undurchschaubar. Wir mussten auf dem heimischen Sofa darüber disskutieren, ob diese "Menschwerdung" von Sherlock Holmes nun doof oder großartig ist (mein Standpunkt dürfte in der ewigen Vorrede erkennbar geworden sein;-), aber unabhängig vom Geschmacksurteil, ist die ca. 4minütige Sequenz zwischen Sherlock und Molly in der letzten Folge eine Schaffensstudie zum Thema "Wie ich meine Charaktere breche", die man sich als Erzähler dringend anschauen sollte.**

Ich muss also gestehen, dass mich ein funktionaler Soziopath auf Dauer nicht zufriedenstellt, was meinen Anspruch an eine komplexe Hauptfigur angeht und ich nehme daher den Shift in Tone und Character gar nicht übel - höchstens die leichten Küchenpsychologieeinschläge hier und da, aber da ist man von Serien und Filmen soooviel schlimmeres gewohnt, dass Meckern auf Hohem Niveau ja fast schon untertrieben ist.;-)

*EDIT:
Danke an meine lieben Kollegen, die für mich ein Video gefaunden haben, das genau zeigt, was ich mit kreative Ideen meinte! Enjoy! :-)


**Ich hatte ansonsten arge Schwierigkeiten mit der letzten Folge und nehme es ihr unfassbar übel, dass sie quasi im Nachgang Dinge aus Folge 2 entwertet, die ich mochte, und zu einem unnötig dämlichen Teil eines unnötigen Masterplans degradiert, aaaber das würde jetzt zu weit führen und nur wieder in Villain Bashing ausarten.;-) 
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