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08.02.2010

Sherlock Holmes (Film versus Vorlage)

Ist euch auch schonmal aufgefallen, dass es manchmal besser ist, wenn man den Text von einem Lied gar nicht erst versteht?
Mir bzw. uns fiel das am Freitag beim Karaoke Abend auf - wenn man den Text zum Mitsingen präsentiert bekommt und er da so steht in seiner nackten, literarischen Form, geht einem oft doch nur auf, dass man eigentlich nicht viel verpasst hat, als man ihn noch nicht verstanden hat...;)

So ähnlich funktioniert das auch mit Sekundärliteratur. Nicht nur, dass man als Literaturwissenschaftler und/oder Hobbyauthor sehr schnell die Lust an vielen Büchern verliert, weil man einen leidvoll geschärften Blick für logische Fehler, unsauber gezeichnete Charaktere und platte Plot-Points entwickelt, wo andere Menschen in gesegneter Bildheit weiterlesen. Sekundärliteratur ermöglicht dem geneigten Leser ausserdem noch den Einblick in die tieferen Bedeutungsebenen von Handlung und Held, auf den man vielleicht lieber verzichtet hätte.;) Mir so ergangen mit Sherlock Holmes. Ich mag die Bücher zwar immer noch, aber wenn man sich mal ein bißchen damit beschäftigt hat (also wenn man Crime Fiction als Examensthema nimmt;), kann man nie wieder ent-wissen, was für ein anti-sozialer, drogenkaputter, homoerotisch angehauchter, versnobter, lebensunfähiger A**** der gute Mann ist. Wer glaubt Dr. House hätte diesen Archetypus erfunden...WRONG!;)
An sich habe ich ein Herz für Anti-Helden, aber mir scheint da ist in der Retrospektive (Spin-Offs, Fan-Fiktion, Verfilmungen etc) doch Einiges geschönt worden, bis aus diesem Typen eine kleine, süße Disney Maus werden konnte, die leider mein Holmes Bild geprägt hat, bis ich die Original-Geschichten mal zu lesen bekam - Kulturschock!;)

Und dann bekam ich den Trailer für den neuen Guy Ritchie Film Sherlock Holmes zu sehen und dachte mir: "Hmm wie süß ein 'nach Motiven von...' Actionfilm, aber immerhin hat der Robert Downey Jr. halbnackt..."
Mit dieser Erwartung im Gepäck schwang ich mich also am Samstag in einen Kinosessel und siehe da - ich wurde positiv überrascht. Gut, wenn man so wenig erwartet, ist das vielleicht nicht schwer, aber trotzdem soll es ja mal lobend erwähnt werden!;)

Natürlich muss man sich damit abfinden, dass der Film einige Action-Elemente enthält (die im Trailer allerdings unnötig reisserisch zusammengefasst waren) und wer sich nicht damit abfinden kann, dass Holmes und Watson auch mal selber in der Guy Ritchie typischen Slow-mo/Zeitraffer Optik "Hand anlegen" wenn es ans Prügelln geht, der sollte den Film wohl lieber nicht ansehen. Allen Anderen wird aber hoffentlich auffallen, dass der Drehbuchschreiberling seinen original Sherlock ziemlich gut kannte und auch mochte!:)
Auch wenn schon eine deutliche Verjüngungskur im Vergleich zu früheren Produktionen stattgefunden hat - der Look an sich ist ziemlich ähnlich geblieben, findet ihr nicht?

Die Story ist eher nebensächlich - das typische viktorianische Geheimbund-Weltherrschaftsgedöns halt - die Kulisse auch sehr archetypisch düster-dreckig, aber die beiden Hauptcharaktere sind einfach so liebevoll gezeichnet und in ihrer Hass-Liebe Manier so unterhaltsam, dass das für manch Anderes entschädigt.
Holmes brilliert in all seiner antisozialen Rationalität und Watson (Jude Law kann nicht mal ein Schnurrbart entstellen...erstaunlich;) gibt den Kriegsveteranen mit einem Herz für alkoholsüchtige Halb-Autisten - die Drogensucht wollten sie wohl entweder Robert Downey Jr. oder dem amerikanischen Publikum nicht zumuten. Vielleicht haben die auch zuviel Disney gesehen.;)
So sehr ich mich bemüht habe - und das habe ich wirklich;) - ich konnte in der ganzen Auflösung zum Schluss keine logische Lücke finden und nicht mal das "Fight-Club" Hobby, dass sie Sherlock noch angedichtet haben, kommt einem im Zusammenhang komisch vor - irgendwo muss man ja seinen Frust mal ablassen.;)

Den einzigen Abzug, den ich zu machen habe, gibt es für die fast nicht existenten weiblichen Hauptrollen. Holmes pseudo love-interest Irene Adler und Watsons Verlobte Mary finden nebem dem zankenden alten Ehepaar Homes-Watson quasi nicht statt - hier hätte der Drehbuchschreiber ein bißchen mehr Detailliebe investieren können, oder man hätte vielleicht ein paar charismatischere Darstellerinnen suchen können, wie auch immer.;)

Insgesamt ist man am Ende allerdings überrascht, dass der Film "nur" knapp 2 Stunden gedauert hat - nicht weil's langweilig war, sondern weil man sich mit Popcorn und Cola wirklich gut unterhalten fühlen kann.;)

Von mir gibt's daher 4,5 von 5 Opiumpfeifchen
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