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14.09.2018

The Giver. Oder: Science Magic und Coincivenience

Herzlich willkommen zur nächsten Runde von "Filme, die niemanden interessieren und die ich auch nur so zufällig gesehen habe"...es ist immer schon ein schlechtes Zeichen, wenn es über deinen Film keinen Honest Trailer gibt. Etwas, das nichtmal populär genug war, um darüber Witze im Internet zu machen, muss sich echte Sorgen um seine Existenzberechtigung machen...;-)

Ich wollte aber trotzdem nochmal was dazu sagen, denn "auf dem Papier" klingt The Giver eigentlich erstmal gut - der Cast ist gut, die Prämisse ist Dystopische Zukunft vs The Chosen One, also eigentlich das Geschnittene Brot der momentanen Filmwelt und es ist eine Verfilmung eines beliebten Romans. Also was zu Hölle ist da schief gelaufen...? Weeeellll...it's complicated!




1. Das "neue Irgendwas" funktioniert fast nie!
Wer sich an meine Mockingjay Rezension erinnert, wird feststellen, dass das Poster, das ich da ausgewählt hatte, ziemlich ähnlich aussieht und das ist vermutlich kein Zufall. Tatsächlich ist die Buchvorlage älter als Hunger Games (die Bücher), aber die Verfilmung eben nicht, weswegen man wohl hoffte aus dem Film "das neue Hunger Games" zu machen. Und das ist eventuell schon das erste Problem, denn ich habe keinen einzigen Film in letzter Zeit gesehen, der das mit dem "wir machen das neue Irgendwas" irgendwie hinbekommen hat. *hustsuicidesquadhust*
Entweder mach' eine Buchverfilmung, dann verfilme das Buch, oder mach' einen Ripp-Off Film, weil "andere Nutzer mochten auch...". Beides? Scheint schwierig zu sein.

2. Dystopische Regime und wie sie funktionieren
Eine entscheidende Änderung der Prämisse von Hunger Games ist die, dass nach der unbenannten Katastrophe der Vergangenheit in The Giver der Ältestenrat (angeführt von Meryl Streep und ich wollte sie wirklich mögen in dem Film...*sfz*) erstmal nicht inhärent böse erscheint. Präsident Snow in all seiner Glorie ist ein Bösewicht, den man einfach ungebremst hassen kann und das funktioniert für mich super - aber ich habe auch nichts gegen Grauschattierungen, im Gegenteil!
Der beste Bösewicht - in meinem Buch - ist der, der in einer anderen Konfiguration auch der Held sein könnte.
Insofern hätte der Film hier echt punkten können, ABER. Leider gillt auch Actions Speak Louder Than Words und du kannst mir noch so oft erzählen, dass das alles ja notwendig und for the greater good und bla ist, aber wenn sich die Handlungen der angeblich nur fehlgeleiteten, aber nicht bösen Charaktere so äußern, dass sie routinemäßig Babys umbringen (kein Witz), ihre älteren Mitmenschen vergasen, sobald sie aufhören produktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein (ja das auch) und jede Art von freier Meinungsäußerung unter Todesstrafe stellen, dann bin ich wiiiiiirklich nicht überzeugt wo denn da der Unterschied zu Präsident Snow ist? Der ist wenigstens noch so ehrlich nicht auf nett zu machen.^^

3. Coincivenient Storytelling
Ich möchte mal den Begriff Coincivenience feiern, weil er so unglaublich passend und nützlich für so viele Gelegenheiten ist - erfunden allerdings nicht von mir, sondern von Dominic Smith, dessen Youtube Channel ich für Buchverfilmungen wärmstens empfehle (und das nicht nur, weil ich einen britischen Akzent zu schätzen weiß;-).



In der Welt von The Giver erstreckt sich die Coincivenience - frei Übersetzt, die Zufallskomfortabilität - darauf, dass unser PointOfView Charakter natürlich genau 2 beste Freunde hat, die die beiden Extreme von Rebell und Braver Regime-Soldat abdecken können und die Bösewichte schon mal Regeln aufstellen, an die sie sich vor allem dann halten, wenn es notwendig ist, damit die Helden ihnen entkommen können. Was die Frage auffwirft: Habt ihr verstanden wie das mit den unterdrückerischen Regimen wiiiirklich funktioniert...?

4. Science Magic und halbgares Worldbuilding
Ich denke was dem Film wirklich und schlussendlich das Genick bricht, ist weniger seine unlogischen Bösewichte, oder der krampfhafte Versuch Hunger Games mit Divergent zu verbinden und ein neues Frankenstein-Superdystopie-Monster zu schaffen, sondern schlicht und ergreifen die Tatsache, dass soviele Dinge so blass und halbgar bleiben - und nein, das war jetzt kein Seitenhieb darauf, dass der Film mit Schwarz-Weiß-Technik spielt, aber es ist ein gutes Beispiel, denn es wird nie so genau erklärt warum? Nimmt nur unser PoV Charakter plötzlich Farben wahr? Ist das ein "Hüter-Gimmik"? Und wie reagieren die anderen eigentlich darauf?
Habt ihr mal Pleasantville gesehen, liebe Filmemacher? Da war euer geklautes Stilmitter wenigstens konsequent eingebaut....
Alles andere der Welt bleibt leider genauso grau und blass - angefangen dabei wie das mit diesem Hüter-Hokuspokus eigentlich funktioniert, wie und wo diese abgeschlossenen "Communities" eigentlich sind, wie zur Hölle so ein "Erinnerungsschild" wirkt und was eigentlich mit dem Rest der Welt ist?
Ja, auch in Hunger Games erfährt man vieles erst so nach und nach und ein paar Fragen bleiben auch da unbeantwortet bis zum Schluss, aber "ein paar offene Fragen zum größeren, globalen Kontext" sind was ganz anderes als "eigentlich haben wir bis zum Schluss keine Ahnung wie die Lebensrealität der Leute funktioniert, mit denen wir mitfiebern sollen".

Und ja, es ist mir klar, dass ein weiser Mann mal gesagt hat, dass wenn man Technik nur weit genug ausdehnt, die Effekte mit Magie gleichzusetzen sind - aber auch bei Magie mag ich keine "Puff das funktioniert halt irgendwie" Erzähler, bei Technik wird das nicht besser.

Insgesamt als ein Film der verpassten Chancen und des halbgaren Andeutens von Dingen, die spannend hätten sein können.
Hat jemand das Buch gelesen und kann mir sagen, ob sich das mehr lohnt?
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