Die Kategorie "in einem Wochenende anschauen" bei Netflix entwickelt sich zu meinem liebsten Entscheidungsmerkmal, wenn es darum geht in dem ewig expandierenden Universum von Medien, die ich wahrnehmen könnte, irgendwas zu finden, auf das ich mich zumindest für ein paar überschaubare Stunden festlegen kann.
Das sollte niemanden überraschen, ich habe ja schon öfter darüber gesprochen, dass die Limited Series mein liebstes Format des modernen Streamings ist. Serielles Erzählen eignet sich einfach gut für ein visuelles Medium - wobei ich nicht sagen will, dass es nicht auch Geschichten gibt, die sich in 2 Stunden Film erzählen lassen - aber es erspart mir die emotionale Erpressung von "klick das 5000x in den ersten 12 Stunden und nimm unsere 50 Sequel Baits in der letzten Folge wahr, sonst gibt es keine 2. Staffel!!", die meistens ja trotzdem damit endet, dass es keine 2. Staffel gibt.
Und seien wir ehrlich, manche Geschichten sind einfach in einer Staffel auserzählt und brauchen keine Fortsetzung. So wie Hostage, diese Geschichte endet an einer nachvollziehbaren Stelle und ich denkt jede Minute Runtime hätte es eigentlich schlimmer gemacht. Und das ist nicht kryptisch negativ gemeint, ich hatte Spaß an dieser Serie und das war nicht unbedingt vorherzusehen. ;-)
Bevor ich jetzt aber noch weiter endlos vorplänkle, lasst uns mal den Trailer anschauen, damit wir wissen worum es geht:
Wenn ich sage, es war nicht unbedingt abzusehen, dass ich an einer Serie wie Hostage Spaß haben würde, liegt das zum einen daran, dass Polit-Thriller nicht unbedingt mein Genre sind und zum anderen, dass ich ein gebranntes Kind bin, wenn mir eine Verschwörung von unfassbar kompetenten Bösewichten versprochen wird.
In 9 von 10 Fällen sind die Bösewichte nicht halb so clever, wie die Autoren sie finden und der ganze Plot funktioniert nur deswegen, weil sich die Guten immer dann völlig naiv und/oder dämlich verhalten, wenn die Verschwörung sonst nicht funktionieren würde.
Diese Geschichte war da eine ganz angenehme Ausnahme. Ohne ein gewisses Maß an coincevinience kommt kein Plot aus und ich war bereit meine suspension of disbelief zu bemühen um zu glauben, dass der Ehemann einer Premierministerin keinen Personenschutz dabeihat, selbst auf "Verbündetenterritorium". Man hätte das ein wenig umgehen können und die militärisch ausgebildeten Bösewichte den Personenschutz einfach ausschalten lassen - am Ende können sie das auch problemlos - aber ab diesem Zeitpunkt sind die Schritte in diesem Putschversuch zumindest so nachvollziehbar, dass ich den Fernseher nur 1x anmotzen musste. In der Szene nahmen wir uns einen Charaktermoment, der bestimmt für die Zeichnung ganz nett war, aber die Leute, die unter Beschuss stehen von offensichtlich kompetenten Bösewichten stehen ohne Deckung auf einer offenen Straße rum?
Aber 2 leicht fragliche Storytelling-Entscheidungen in einer 5 Stunden Serie sind im Vergleich schon ziemlich gut, ich bin sehr motzfreudig wenn das Framing nicht zur dargestellten Handlung passt, wie man weiß. ;-)
Ansonsten muss man evtl. nur ein paar sanity points für Politik mitbringen, zumindest was die Zeichnung der rechtskonservativen Politiker und Medienmenschen mitbringt, die sehr realistisch war, was für die Laune schonmal nachteilig sein kann. Und mir persönlich kam dann überraschenderweise die ethische Diskussion über den Charakterkern der Geschichte etwas zu kurz. Du hast wichtige Politikerinnen in einer internationalen Krise, in der sie plötzlich mit ihrem Privatleben erpresst werden und sich entscheiden müssen, ob sie wirklich daran glauben, was Pratchett als "personal is not the same as important" beschreibt. Und dann sprechen wir darüber immer nur so zwischen Tür und Angel mit der (verständlicherweise) nicht so rational reagierenden Teenagerin und dem (nicht verständlicherweise!) genauso irrational argumentierenden Vater?
Ok, vielleicht muss ich einen 3. Motz-Moment einfügen, denn in diesem Streit fehlte mir ein wenig die offensichtlichste Replik, wenn die Premierministerin den Vorwürfen ihres Vaters begegnet mit "du hast immer gesagt, dass Pflichterfüllung wichtig ist" und er so "das hier ist was anderes" und sie die nachvollziehbare Frage stellt: Warum? Und er antwortet mit einem "weil deine Tochter dir nie verzeihen wird", oder sowas ähnliches und sie daraufhin NICHT erwidert: Also ist es etwas anderes, weil man plötzlich selber betroffen ist und auch tatsächlich tun müsste, was man predigt?
Das war ein kleiner Frustrationspunkt für mich, weil dieses Gespräch stattdessen eskaliert und wir uns im Streit trennen - menschlich vielleicht nicht unrealistisch, aber man hätte da so einen guten Lebensrealität vs. Moralvorstellungen Punkt machen können und ich fand es ließ interessantes Potential liegen. Wie immer, maybe that is just me. ;-)
Bis dahin fühlte ich mich aber gut unterhalten und mit der ganzen Vorrede was mir an solchen Geschichten oft so überhaupt nicht gefällt, muss das schon 4 von 5 Presseausweise wert sein, no?
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