Publikationen, Projekte, Persönliches

29.06.2018

Tomorrowland. Oder: Das Moral-Von-Der-Geschichte-Rad?

Ich hatte noch eine zweite Nachtrags-Review versprochen und ich hatte auch versprochen, dass es nicht mehr so motzig wird - ich habe vor beide Versprechen zu halten, mal sehn wie's läuft!;-)

Film 2 auf meiner War-nicht-so-dringend-notwendig-Liste ist Tomorrowland, oder A World Beyond hierzulande. Was den einen englischen Titel jetzt besser macht, als den anderen, erschließt sich mir nicht wirklich, es sein denn man wollte Verwechslungen mit dem Festival vermeiden?
Immerhin passen beide Titel zum Plot, das ist ja auch schon fast Luxus heutzutage...;-)

Ich war ein wenig unvorbereitet auf diesen Film, was daran lag, dass ich die Positive Kritik von Tine zum Thema schon lange wieder vergessen hatte und die Negative Kritik von Jenny (einer meiner Abo channels, da müsst ihr jetzt durch;-) ignorieren wollte, weil ich Videos mit so reißerischen "Das ist dumm und hier ist warum", oder "The Day YX died" Titeln aus Prinzip nicht anklicke.*

Ich pendle mich so in der Mitte ein, ein bißchen Nay ein bißchen Yay and here's why!




1. Casting und die Integrität von Teenagern
Zunächstmal möchte ich erwähnen, dass es mich arg irritiert, dass auf den Postern überall GEORGE CLOONEY draufsteht, so als ginge es irgendwie...um...ihn? Ich hab 3x nachgesehen, ob er zufällig auch der Regisseur oder Drehbuchschreiber war, aber nein, er ist nur die männliche Hauptrolle und der bekannteste Schauspieler im Cast...was immer noch heißt, man hätte vielleicht die Hauptrolle noch namentlich erwähnen können, aaaber gut....
Ansonsten stimme ich meiner Vorrednerin uneingeschränkt darin zu, dass es mal wieder nett ist eine weibliche Hauptrolle zu haben, deren "Mädchensein" irgendwie egal ist. Man verstehe mich nicht falsch, ich finde es schon auch wichtig, dass man Frauen-Hauptrollen haben darf, die nicht als Männer-mit-Brüsten angelegt sind und dann wird das als "tough bitch" verpackt und mit dem Etikett "Gender-Equality" ins Regal gestellt. Aber es ist auch mal angenehm ein Technik-Geek-Kind zu haben, das mehr so zufällig ein Mädchen ist, ohne dass das irgendwie verkrampft ausdisskutiert werden muss ála "Ohhh übrigens, Mädchen sind auch ganz doll schlau, kukt was meine tolle Message ist".
Ich persönlich habe ein paar Vorbehalte bezüglich der Zurechnungsfähigkeit von Teenagern, weil ich selber mal einer war und von mir auf andere schließe, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden**...;-)
Mein einziges, aber leider recht großes ABER an der Stelle ist leider, dass ich mich auf diesen Charakter 0 einlassen konnte, weil ich Jennys Problem teile: Die Frau ist 25 und ich nehme ihr das 16jährige Mädchen üüüberhaupt nicht ab. So gar nicht. Nie, never, in keinem Moment.
Ich bin nicht so überzeugt davon, dass das was mit ihrer Schauspielfähigkeit zu tun hat, aber sie sieht einfach nicht mehr wie ein Teenager aus und sie mit Klamotten dahinzudrillen wirkt einfach merkwürdig - ich war also weniger erstaunt, dass ein 17jähriges Wunderkind schon Motorrad fährt und sinnlosen Vandalismus an Baumaschinen betreibt, sondern habe mich die ganze Zeit gefragt, warum diese erwachsene Frau so merkwürdig angezogen rumläuft und dummen Vandalismus wirklich für sinnvoll hält...
Was ja die Frage aufwirft: Wenn euer Film irgendwann mal die Message gehabt haben sollte, dass man jungen Menschen zuhören und sie ernst nehmen sollte, warum habt ihr dann keine talentierte Teen-Darstellerin gecastet? Weil es die nicht gibt...in...Hollywood...? Don't think so somehow.

2. Nicht der Film, den wir sehen wollten!
Mein Hauptproblem mit Tomorrowland ist, dass dieser Film wie eine russische Matroschka viele andere Filme irgendwie anteasert, die ich um Längen interessanter gefunden hätte, als den, den wir dann am Ende zu sehen bekommen. Das ist so der Grund warum ich zwischen Yay und Nay schwanke, denn einerseits hatte da ja offensichtlich jemand viele Ideen, die mir gefallen hätten, aber andererseits enthält man mir die Ausformulierung dieser Ideen willentlich vor, was ich irgendwie übel nehme...;-)
Ich erkläre mal, was ich meine:
Die Einführung des Films folgt dem Jungen, der irgendwann mal George Clooney wird und einem kleinen Roboter-Mädchen in eine Star-Trek-eske, Apple-Store-Streamline-Zukunftsstadt für Super-Begabte.
Und ich so: Oh scheinbar tatsächlich ertragbare Child-Actors und eine Geschichte über Frenudschaft zwischen einem Jungen und einem Roboter, wie süß, weiter so!
Aber das ist nicht der Film, den wir bekommen.
Statt dessen springen wir zu einem erwachsenen George Clooney in einer etwas dreckigeren Version von AppleStoreFuture, der die Geschichte vom Niedergang anfängt, bis er von Pseudo-Teenager-Hauptrolle unterbrochen wird und die beiden sich ein wenig anzicken wer die Geschichte besser erzählt.
Und ich so: Hmm ok also kein Film über einen kleinen Jungen und ein Roboter-Mädchen...Eigentlich schade, aber awwww ich liebe dieses Stilmittel, das war schon bei Scully und Mulder witzig, weiter so!
Aber das ist nicht der Film, den wir bekommen.
Statt dessen springen wir in der Zeit zurück zu Warum-Pseudo-Teenager-eigentlich-in-die-AppleStoreFuture-gekommen-ist und zu der Sache mit dem sinnlosen Vandalismus an Baumaschinen, in der besagtes Stilmittel nie! wieder! vorkommt.
Und ich so: Ihr fangt an mich zu nerven...
Dann taucht das kleine Roboter-Mädchen wieder auf und sie hat eine Mission!
Und ich so: Hmmm Pseudo-Teenager nervt mich, können wir vielleicht den Film nochmal drehen und die Perspektive von Robo-Girl erzählen? Und erfahren was sie so die ganzen Jahrzehnte gemacht hat, wie sie überhaupt aus AppleStoreFuture rausgeworfen wurde und warum? Uhhh und wie sie sich gegen die anderen Roboter-Schläfer verteidigt, die überall die letzten Hinweise zu diesem gescheiterten Parallelwelt-Experiement auslöschen wollen? Ooohhh und wie sie damit klar kommt, dass alle ihre "Kandidaten" scheinbar nicht funktioniert haben bis zu dieser letzten, aller-aller-letzten Chance?
Tomorrowland: Nein, das ist nicht der Film, den wir wollen. Wir wollen dumme Verschwörungstheorien über den Eiffelturm und sinnlose Verfolgungsszenen, das ist viel cooler!
Und ich so: Fine, whatever. *schlägt Tür zu & geht schmollen*

3. Dr.-Space-House dreht das Moral-von-der-Geschicht-Rad
Ich weiß nicht, ob jemandem außer mir diese Anspielung was sagt, ich bin ein Kind der 90er und die Animaniacs waren lange lange meine Lieblingsserie - was vielleicht Einiges erklärt...;-)
Anyway, irgendwo in meiner Schmoll-Ecke habe ich leider eine entscheidende Info verpasst, was die Motivation unseres Bösewichts und damit den Finalen Konflikt angeht - sorry, not sorry für diesen Spoiler, Dr. House im Spacesuit war von Anfang an der Bösewicht, das war Super-Schwellig**, hat das ernsthaft irgendwer bezweifelt?
Es ist ja scheinbar zwingend notwendig jede Pariser Touristenattraktion zu einem Geheimen Irgendwas umzufunktionieren, aber diese ganze super-geheime Parallelwelt-Verschwörung hat ein paar schwierige Motivationslücken, die ich mir nicht zusammenpuzzeln kann und die am Ende dazu führen, dass sich mir das Ende und damit die Moral von der Geschichte iiirgendwie nicht erschließt.

Vorschlag 1: AppleStoreFuture war von Anfang an ein Fehler?
Der ganze Schmonsenz wird ja angestoßen von der Tatsache, dass Pseudo-Teenagers Anwesenheit allein ausreicht, um den Apokalypse-Countdown wieder ein bisschen zurückzudrehen. Das ist der entscheidende Punkt, den man am Ende Space-Dr-House zu verklickern versucht und den er für Humbug hält (ich muss zugeben, da hatte er meine Symphatie noch...).
Da es aber am Ende scheinbar ja bestätigt wird, dass Träume und Optimismus wichtiger und einflussreicher und relevanter sind als das ganze Technik-Ding, muss man ja irgendwie daraus den Schluss ziehen, dass das mit der Parallelwelt-Zukunftsstadt vielleicht von Anfang an eine dumme Idee war?
Ich bin mir auch nicht sicher was diese Geschichte mit den 2 Wölfen*** damit zu tun hat, aber wenn AppleStoreFuture und das Zukunfstvorhersage-Technik-Ding ein Fehler war, weil es ja den falschen Wolf füttert, dann würde das zumindest erklären, warum sie ganz am Ende nicht wirklich viele Wissenschafts-Nerd-Kinder einladen, sondern auch Ballerinas, Straßenmusiker und so. Positiv Denken statt Böser Technik...?
Andererseits ist das Ding mit der Parallelwelt immer noch notwendig, weil...? Naja, vielleicht weil man's jetzt einmal hatte und nicht einreißen wollte, auch wenn es von einer grundfalschen Prämisse ausgeht? Weil man ja irgendwie gelernt hat was passiert, wenn man sich räumlich von der Welt abschottet und deren Probleme dann ein ProblemAndererLeute werden...? Hmmm. Did you think this through...?

Vorschlag 2: Dystopien sind böse...?
Die Moral von der Geschichte unseres Bösewichts hat einen eigenen Monolog, was sie aber irgendwie nicht verständlicher macht. Er ist der Meinung das Zukunftsvorhersage-Technik-Ding ist kein Fehler, weil es ja warnen und aufzeigen soll was passiert wenn die Menschen weiterhin dumm sind. Aber was tun sie statt dessen? Sie erfinden Dystopien und finden die so toll, dass sie nichts gegen die Apokalypse unternehmen, also haben sie es verdient ausgelöscht zu werden! Fly you fools** und so...
Als Literaturwissenschaftler muss ich sagen, dass mein Symphatie-Counter in diesem Moment den Boden durchschlagen hat, denn a) möchte ich gerne mal Wikipedia fragen wann dystopische Fiktion "erfunden" wurde (ich bin mir sicher irgendwann vor AppleStoreFuture^^) und dann möchte ich b) Space-Dr-House eine Kopie der Definition von Dystopischer Fiktion schenken, damit er das mit der Warnenden Funktion nochmal überdenken kann. Wenn er das dann gelesen hat, könnte man zu Aristotelischer Dramatheorie und dem Katharsiseffekt übergehen, man muss sich ja langsam steigern bei jemandem, der offensichtlich nicht versteht wie Fiktion funktioniert.
Seine Moral von der Geschichte ist also scheinbar: Ich habe dieses Zukunftsvorhersagende-Technik-Ding gebaut, das den Leuten zeigt wie scheiße die Zukunft ist und wenn sie darauf reagieren in dem sie Fiktion erschaffen, die noch mehr Leute davor warnen soll, wie scheiße die Zukunft sein könnte, dann haben sie mich nicht verstanden und sollten vernichtet werden. Oder so. Did you think this through...?

Und das ist damit auch mein Schlusswort: Habt ihr das genügend durchdacht? Ich denke nicht, Tim. Können wir jetzt vielleicht den Robo-Girl Film machen? Der hatte Potential!;-)

*Hab's dann doch gekukt, ist ganz lustig...aber immerhin erst NACH dem Film, also war ich unvoreingenommen!;-)
** Für das Zitat gibt's wieder Gummipunkte!
*** Für alle, die den Film nicht gesehen haben/sehen wollen, aber trotzdem bis hierher durchgehalten haben: Die oft zitierte Geschichte von den 2 kämpfenden Wölfen in diesem Film funktioniert so: 2 Wölfe kämpfen miteinander und der eine ist Angst und der andere Hoffnung und es gewinnt immer der, den man füttert. Ja subtil, I know, aber es ist ein mythologisches Gleichniss, oder so.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank!

Related Topics

Related Posts with Thumbnails