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26.10.2020

Arrival. Oder: The desire for more cows

Unsere Aliens und Space Serie setzt sich fort - demnächst unterbrochen für ein paar Thriller, aber Hidden Figures wollte ich eigentlich auch noch sehen, bevor Netflix ihn mir wieder wegnimmt... - und diesmal mit der fast schon revolutionären Prämisse: Was ist, wenn die Aliens kommen und wir rufen mal die Linguisten und nicht die Kavalerie?;-)

Arrival ist schon ziemlich alt und da mein größter Meh-Punkt sich mit dem Ende beschäftigt, sollte man die Spoiler-Ausfahrt nehmen sofern man nicht zum Club der Unspoilerbaren gehört (wir haben kein Clubhaus, aber wer will kann ein paar Cookies haben *haha*).

Im Prinzip exerziert der Film anhand eines Fist Contact With Aliens Szenario die Frage durch wie verschiedene Auslegungen von Sprache beeinflussen wie wir denken und wie unser Weltbild sich einerseits durch Sprache ausdrückt, aber andererseits auch durch Sprache geprägt wird. 

Wer sich dafür interessiert, sollte dringend Through the Language Glass lesen, oder mal Theorien zum Brain-Mapping - also nicht in dem Sinne von Wo ist Was im Gehirn, sondern wie wir interne Karten von Dingen anlegen. Ich hatte dazu mal ein Referat als es um den "Nordischen Krieg" zwischen Russland und Schweden ging und dem "nach Osten kippen" von Russland in der allgemeinen Vorstellung, als unter Katharine der Großen endlich mal tatsächliche Landkarten erstellt und zirkuliert wurden. Voltaire war (glaube ich) einer der Zeitgenossen, die beschrieben haben, dass ihr Weltbild quasi einmal nach rechts gekippt ist mit der Erkenntnis, dass Russland ein Nachbarstaat der Türkei ist/war.

Wie sich diese Dinge narrativ darstellen lassen, kann man im schlauen Video für heute ansehen, in dem wir auch was über die zugrundeliegende Kurzgeschichte lernen:


Arrival setzt also interessante Konzepte interessant in Szene - was kann man da noch zu motzen haben?

I'm glad you ask me that!

Ersteinmal ein Punkt, der schon im Video anklingt: Es ist manchmal ein wenig schade, dass die Perspektive sehr limitiert ist. So erfahren wir z.B. nicht wirklich viel darüber wie sich der Climax der meuternden Soldaten aufbaut und/oder was die Folgen sind - auch dir größeren Folgen für die Welt bleiben offen, es gibt nicht mal ein paar News-Snippets zu den Credits, die uns erzählen könnten was aus den ganzen Protesten und Unruhen geworden ist. Ups dann war die Schlacht vorbei während ich bewusstlos war, ist eben nicht meine Art von befriedigendem Storytelling...;-)

SPOILERWARNUNG

Aber mein wichtigster Punkt der Verbesserung wäre das Ende, bzw. die wirklich letzten Sätze. Die Romance Story ist ein wenig holprig, will heißen über 9/10 des Films völlig unwichtig und dann am Ende dafür etwas zu schmalzig, aber an sich ist es ja schon ok, dass sich die Auflösung der Handlung mehr mit den persönlichem, als mit den weltbewegendem "Danach" beschäftigt. 

Es ist aber so, dass sich die ganze Handlung und Funktionsweise der "nonlienaren Auffassung von Zeit" darauf bezieht, dass die Zukunft scheinbar ein ziemlich alternativlos deterministisches Konstrukt ist, was die Frage nach dem freien Willen aufwirft. Kann ich wenn ich die Zukunft genauso "erinnern" kann wie die Vergangenheit, irgendwas tun, das sie ändert?

Die Kurzgeschichte scheint zu sagen: Nein. (siehe Video) Der Film will uns sagen, dass die Protagonistin an sich eine Entscheidung hat, aber zieht diese Möglichkeit nicht bis zum Ende durch, denn sie "entscheidet" sich am Ende genauso zu handeln, wie sie es vorhergesehen hat und ihrem Mann das Schicksal ihrer Tochter zu verschweigen.

Der Film endet also mit dem "Wollen wir ein Baby machen?" und ihrem uneingeschränkten "Ja" - das passt schon irgendwo zu ihrer Charakterisierung wie wir sie erleben, aber hätte mir das Drehbuch in der Beta vorgelegen, hätte ich mich für ein ambivalenteres Ende entschieden und sie vielleicht antworten lassen "Lass uns drüber reden." Das wäre als letzter Satz so ein wenig inceptiony, weil es offenlässt ob damit die Zukunft wie wir sie gesehen haben genauso eintritt, oder auch nicht.

Abgesehen davon, dass ich witzig finde, dass die Aliens der Menschheit zutrauen noch 3000 Jahre durchzuhalten  - ich wäre schon bei 300 skeptisch, but maybe that is just me ;-) - finde ich ein deterministisches Zukunftskonzept immer etwas deprimierend. Es gibt philosophische Argumente, die dafür sprechen, aber ich bin eben eher ein Fan des Chaos, das ein freier Wille so mit sich bringt. 

Von daher wäre mir ein Ende, dass mir zumindest die letzte Hoffnung darauf nicht völlig kaputt macht, irgendwie lieber gewesen, aber im Allgemeinen schafft Arrival es schon ganz gut die "Zeitreise Plots sind immer unlogisch" Plotholes zu umschiffen so gut es geht, daher will ich dafür mal nicht mehr als einen halben Punkt abziehen.

Mit 4,5 von 5 Tentakeln also definitiv einer der besten Filme, die ich bisher dieses Jahr gesehen habe.

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