Publikationen, Projekte, Persönliches

18.01.2019

Vaiana. Oder: Die Kunst des stummen Sidekicks

Ok, lasst uns mal über Vaiana sprechen - ja ich weiß "böööhhh it's another Disney pricess movie...", aber hey, ich beschwere mich ja auch nicht über "ohhh it's another superhero / giant monster / giant robot movie", oder? Klar, das eine ist für kleine Meeeedchen und das andere für pubertäre Jungs und daher cool, aber wenn wir alle mental im 21. Jahrhundert angekommen sind irgendwann, sollten wir das hinter uns lassen können, einverstanden?;-)

Zunächst mal versuche ich ja immer all die schlauen YouTube Videos, die ich kenne in meine Blogposts zu schmuggeln und in diesem Fall finde ich das besonders lohnenswert - warum Vaiana (oder Moana, dazu gleich) eigentlich ein heimliches Re-Make von Pocahontas ist, weil Pocahontas...naja sagen wir mal...nicht sooo cool war.
Ich empfehle dieses Video sehr, man lernt darin viel über viele Dinge und es ist gut recherchiert und unkonfrontativ vorgetragen trotz viel problematischer Aufarbeitung. Für diejenigen, die sich aber nicht die Mühe machen wollen, halten wir kurz fest: Vaiana macht eigentlich genau was Pocahontas tut, aber statt "es ist deine Pflicht, Kind!" bekommt sie eine "Hm ich möchte das eigentlich selber!" Motivation und wir lassen außerdem die ganze Beschönigung von Sexueller Ausbeutung Minderjähriger und Systematischem Genozid an Ureinwohnern weg. Klingt doch nice, no?


Zum ganzen "Darf Disney so einen Film machen?" habe ich daher nichts weiter zu sagen und wir können uns mal darauf konzentrieren was erzählerisch so gebacken war! Onwards!


Die 1. Regel das kreativen Arbeitens: Thou shalt google before you name things!
Ich weiß nicht, ob es nur mir so ging, aber ich war während der ersten 20 Minuten meines Netflix-Films ziemlich verwirrt, was diese ganze Namensgeschichte anging. Unser Netflix ist auf English UK als Standardsprache eingestellt und da wurde der Film als "Moana" geführt, aber die englische(!) Tonspur sprach und sang von Vaiana...ich hatte gedacht Vaiana wäre der deutsche Titel, weil deutsche Titeländerungen manchmal einfach keinen Sinn machen, aber offensichtlich war das nicht so...oder doch?

Schließlich ließ es mich nicht in Ruhe und ich musste es googeln und siehe da:
Der Film Moana (Original US Titel) darf in ganz Europa nicht als Moana vertrieben werden, weil es schon einen 2-teiligen (ich glaube Fernseh-) Film gibt, der Moana heißt und zwar die Biographie einer Porno-Darstellerin, wie ich irgendwo las... Selbst wenn das nicht stimmt, es gab dieses Trademark in Europa jedenfalls schon und daher mussten alle Originalsprecher nochmal ins Studio und eine zweite englische Tonspur für den europäischen Markt einsprechen.
Kann mir irgendwer sagen was sowas an Mehrkosten erzeugt? Vorher mal googeln wäre jedenfalls ziemlich sicher einfacher gewesen.;-)
Und vielleicht bin ich zu sehr Storyteller und es fällt ansonsten nicht so sehr auf, aber ich fand es auch ein wenig Meta-lustig für eine Geschichte, die ihren Charakter-Arc-High-Point mit der Identitäsfindung ihrer Hauptfigur hat - "I am Moana!"....or Vaiana...or Oceania ... anyway!

0. Offensichtliche Nit-Picks
Lasst mich mal kurz die offensichtlichen Punkt abgrasen, die der Honest Trailer nennt - nein, ich verlinke ihn nicht, weil ich mal wieder davon genervt war WIE nitpicky es wurde, aber trotzdem...;-)
- Der ständige Vergleich mit Frozen ist ein weeenig unfair, weil es schon ziemlich klar ist, dass Vaiana oder wie auch immer sie jetzt heißt, eher in die Comedy Richtung geht und Frozen...also ich fand den eher düster, but maybe that's just me...Aber ja, ok die Songs in Frozen waren sooo viel besser und es hätten auch weniger Songs sein dürfen...
Trotzdem muss das noch nichts heißen, denn Tangled hatte auch keine guten und dafür viel zu viele Songs und war trotzdem? Na? Lustig, genau!;-)
- Vaiana bewegt sich durch den ganzen Film im "Super-Cheat-Modus", weil sie ständig vom Ozean gerettet wird. Das stimmt zwar, aber weil die Monster und Antagonisten auch im Superpower-Modus sind, stört es mich weniger - es verringert ein wenig die Spannung, weil man nie ersthaft glaubt, dass das Wasser zulässt, dass ihr irgendwas wirklich Schlimmes passiert, aber "Überlebt sie oder nicht?" war auch nicht meine dringenste Frage.
- Die Sache mit den "Superkräften durch Elementmanipulation" ist allerdings der einzige Punkt, an dem ich den Frozen Vergleich dann doch heranziehen muss, denn ja, auch da gibt es diese Figur, ABER im Gegensatz zu Vaiana ist Elsa nicht die Hauptfigur des Films, sondern Anna, die keinerlei Superkräfte whatsoever hat. Vielleicht empfinden viele Menschen den Mid-Point-Villain Schneemonster deswegen als spannender als die komische Krabbe, weil die Protagonistin ihm weniger entgegensetzen kann...aber eigentlich ist die Glitzerkrabbe auch einfach ein wenig lame, egal was unser PoV Charakter macht.;-)

1. Stumme Sidekicks
2 Punkte habe ich noch und ich will mit dem positiven anfangen: Ich mochte das Huhn! Das Huhn war großartig!

Ich war am Anfang ein weeeenig irritiert, dass der animal sidekick nicht das Schweinchen ist - und auch ein wenig traurig, weil das Schweinchen wie unser Hund aussieht...doch ehrlich, kukt! - aber eine Survival Story mit einem lebensunfähigen Hühnchen war an sich ein Geniestreich.
Es hat mich nur einmal kurz gebuggt, dass im entscheidenden Plotmoment das "das Hühnchen frisst alles was nach Stein aussieht" dann wieder dem Momentum geopfert wird, aber an diesem Punkt bin ich fast schon zu müde, um mich jedes Mal ausfzuregen wenn irgedeine Charaktereigentschaft unnötig dem Plot geopfert wird...
Anyway "THE CHICKEN LIVES!" war so ein wenig unser Highpoint des Films und der Satz, der es in den schonmal erwähnten Familien-Zitate-Pool geschafft hat. Der Ehemann war sehr fasziniert von der Idee eine Abenteurergruppe zu entwerfen, die diesen Satz als ihren Leitspruch nutzt und den möglichen Geschichten, wie es dazu kam...wenn wir mal wieder DSA spielen also nicht wundern, wenn da solche Leute auftauchen.;-)

Am Rande sei noch erwähnt, dass Maui auch einen stummen Sidekick hat, nämlich seinen kleinen Tattoo-Mann, den ich auch sehr niedlich fand und eine sehr kreative Homage an die traditionalle Tattookunst, die ja auch sowas wie sich verändernde Geschichten erzählen soll...Aber da habe ich zu wenig Ahnung, um das auszuführen, ich wollte es nur mal erwähnt haben. Me like!
 
2. Die Sache mit der Pflicht
Kommen wir nochmal auf die Sache mit dem "Es ist deine Pflicht, Kind!" zurück. Ja, ich würde auch denken, dass "Es ist dein Schicksal den Mist aufzuräumen, den die anderen vermasselt haben" vielleicht nicht die beste message für kleine Mädchen ist und "Es war falsch so viele Erwartungen auf dich zu häufen" sehr viel besser kommt. ABER.
In der Praxis dieses Films hat es mich dann schon leeeiiiiiicht irritiert, dass niemand erwähnt, dass ALLE STERBEN WERDEN, in dieser offensichtlich völlig fiktionalen Situation, die NICHTS mit dem normalen Leben von kleinen Kinder zu tun hat, wenn sie diesen Fluch nicht aufhebt.
Go out and fail, we will still love you = eine wirklich, wirklich gute message, aber wollen wir nicht auch iiiirgendwie Kindern beibringen, dass man auf jeden Fall tun sollte, was man tun will und es auf jeden Fall nicht schlimm ist auf die Nase zu fallen und dass das auf jeden Fall nicht heißt, dass man nicht mehr geliebt wird, aber dass irgendwas hinzuschmeißen eventuell trotzdem Konsequenzen hat...?
Unconditional love heißt nicht, ich tue so als hätte dein Tun nie Konsequenzen für irgendwen, oder...?

Vielleicht hab' ich wieder mal nur keine Ahnung, weil ich keine Kinder habe, aber mir wäre es lieber gewesen, der eigentliche Geistesblitz der Geschichte wäre nicht gewesen "Hey, du kannst es auch lassen, das wäre völlig ok!", als mehr "Hey, du kannst das auch selber machen, warum glaubst du, dass du diesen komischen Typen dafür brauchst?"
Dieser Aspekt der Geschichte wird mir ein wenig zu Stiefmütterlich behandelt dafür, dass es bis zu 2/3 der Runtime außer Frage steht, dass MAUI und nicht Vaiana diesen Fluch aufheben muss und dann hat er keinen Bock und das ist dann so "Hmm ok wir sind gescheitert, ach nee doch nicht"...
Also war es offensichtlich nicht unbedingt so, dass er das machen musste, warum also dann so tun und eine message about self-reliance wäre doch auch nett, oder...?
Naja anyway, das würde jetzt zu weit führen, aber ich fand diese Großmutter-Szene hatte auch im 2. Versuch noch Luft nach oben. Manchmal braucht es eben 3 oder 4 Ansätze, bis so eine Szene funktioniert.;-P

Unterm Strich fühlte ich mich (bei aller Meckerei, ich klinge wieder viel negativer als ich eigentlich bin...) gut unterhalten und würde denken, der Film ist definitif auf derselben Stufe, wie Tangled - und der hatte ein Chamäleon als Pluspunkt!;-)
4 von 5 Kokosnüssen sind also allemal drin, mal sehen was da noch so kommt dieses Jahr!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank!

Related Topics

Related Posts with Thumbnails