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04.02.2019

Der #ComicSansWritingHack. Oder auch: Ein bisschen Recherche, nur zum Spaß!

So, ihr Lieben, heute machen wir mal ein bisschen Recherche zur Wirkung von Schriftarten, einfach nur so, weil es Spaß macht...also zumindest mir.;-)

Wer sich ein wenig in der #writingcommunity bei Twitter herumtreibt, wird in der letzten Woche irgendwann mal über den #ComicSansWritingHack gestolpert sein, oder auch: Wie man mehr und besser schreibt mit einer der meist gehassten Schriftarten der Welt.

ComicSans ist eine dieser Schriftarten, die jeder kennt und die meisten verbinden sie mit allem was schlecht ist auf dieser Welt - bei Twitter las ich "Der Nickelback der Schriftarten", so schlimm ist es also schon...;-)
Trotzdem behaupten eine Menge Autoren, dass seine Texte in der Erstellungsphase in ComicSans zu setzen, dabei hilft die Produktivität zu steigern - falls es interessiert, ich sah/hörte davon zum ersten Mal in dem Video von Alexa - und was soll ich sagen? Das musste ausprobiert werden!




Im Gegensatz zu Alexa bin ich völlig skrupellos was meinen Scrivener angeht und habe also 1 Woche lang - sprich 3 Schreibtage - meine Schriftart in ComicSans geändert (mein Default ist TimesNewRoman - ja, ich weiß, aber so funktioniert mein Hirn nunmal) und mein Output in diesen drei Tagen lag bei unfassbaren 5493 Worten von denen immerhin 5387 die erste Überarbeitungsrunde überlebt haben.

Diese Erfahrung deckt sich mit ca. 65% der Twitter und YouTube Nutzern, die sich zur Effektivität des Hacks geäußert haben und das wiederum fand ich dann spannend genug, um mal ein paar Recherchen anzustellen, um ein paar Theorien zu entwickeln. Wer sich also immer noch nicht langweilt, der habe hoffentlich Spaß an den folgenden Ergebnissen!;-)

1. ComicSans - eine Schriftart sie zu knechten?
Simon Garfield beschreibt ComicSans in seinem Buch Just My Type als "type that has gone wrong" (S.18), weil die Schriftart nie dazu gedacht war eine weite Verbreitung zu finden. Statt dessen wollte Typeface Engineer Vincent Connare 1994 einfach nur eine alternative Schriftart zu TimesNewRoman finden, da er befürchtete, dass diese Schriftart zu klassisch und kalt wirkte für die Benutzung in Microsoft Bob - ein Programm mit einem lustigen Comic Hund, der einfach formulierte, Nutzerfreundliche Hinweise einblenden sollte für Menschen, die eingeschüchtert waren von diesen neuartigen "Computern".
Und da Bob ein Comic Hund war, ließ er sich inspiriren von Comicbüchern und Graphic Novels und ComicSans wurde geboren als Versuch harmlos und vertrauenserweckend auszusehen, wie etwas, das eine menschliche Hand hätte schreiben können, um die Berührungsängste mit der neuen Technik abzubauen. (S. 22)
Aber das war die idealistische Vision - die Realität, wie wir sie kennen, fußt auf der Tatsache, dass nachdem die Schriftart im Bundle von Windows95 veröffentlicht wurde, ein unfassbarer "Eroberungsfeldzug" folgte, bis die freundliche Kinderhandschrift irgendwann zum Hassobjekt von Desginern, Professoren und jedem Menschen geworden war, der es nicht mehr ertragen konnte, sie überall zu sehen, sei es auf Kindergeburtstagseinladungen (was dem eigentlich Zweck vielleicht noch entsprach), bis hin zu Speisekarten, Essay-Überschriften, Krankenwagen und Flyern von Bestattungsunternehmen.

2. Und wie funktioniert nun der #ComicSansWritingHack?
Soviel zur "historischen Recherche", wie sieht es jetzt mit dem Writing Hack aus - warum scheint eine so verhasste Schriftart trotzdem ungeahnte Produktivitätslevel freizusetzen, auch bei Menschen, die nicht wollen, dass es funktioniert? Ich behaupte jetzt nicht die eine wahre Antwort gefunden zu haben, aber vielleicht trifft irgendwas der folgenden Punkte zu.;-)

2.1. Die Notwendigkeit?
Zuerstmal müssen wir festhalten, dass vermutlich 99% aller kreativ-arbeitenden Menschen von Zeit zu Zeit auf der Suche nach "magischen" Mitteln und Wegen sind produktiver zu arbeiten und/oder zumindest das Gefühl zu haben. Wer also den #ComicSansWritingHack ausprobiert, befindet sich eventuell schon in einem Geisteszustand, in dem er/sie unzufrieden ist mit dem Status Quo und daher empfänglich für jede Art von neuem Impuls.
Das war definitiv bei mir der Fall, ich probiere keine tollen, gehypten Tricks aus, wenn es grade super läuft, eventuell befinden wir uns also im Reich der Self-Fullfilling-Prophecy.

2.2. Jede Veränderung ist gut?
Brüche und Veränderungen in unserem Arbeitsprozess, gerade wenn es grade irgendwie hakt - und wann tut es das gerade beim Schreiben mal länger nicht?;-) - können befreiend wirken, egal ob wir eine "radikal" andere Schriftart verwenden, einen Nachmittagsspaziergang in unseren Schreibtag einbauen, oder einfach nur unseren Kaffeekonsum zurückfahren. Eventuell geht es also weniger um die Schriftart, als eher darum mal etwas wirklich anders zu machen - und wer wäre schon freiwillig auf die Idee gekommen in ComicSans zu schreiben?;-) 

2.3. Es ist nicht in Stein gemeißelt?
Auch wenn bestimmt die vorausgegangenen Punkte nicht zu vernachlässigen sind, ist meine persönliche Pet-Theory, dass die psychologische Wirkung von Schriftarten nicht zu vernachlässigen ist. Es gibt schließlich Gründe, warum Bücher wie Just My Type existieren, die uns erklären welche Schriftarten aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken entstanden sind. Und ComicSans ist entstanden um harmlos, freundlich und un-einschüchternd auszusehen. Was macht das also mit der Wahrnehmung unserer Arbeit?

Ich habe mal den ersten Satz aus der Versammlung in den 3 Schriftarten gesetzt:
Mein Default ist wie gesagt TimesNewRoman, eine Serif-Schriftart, die offiziell und kompetent wirken soll - Schriftarten werden auch danach bewertet wie ihr "Gewicht" auf der Seite ist und Serifen Schriftarten sollen wie in Stein gemeißelt aussehen:

Meine Beta-Leser bekommen ihre Textfahnen gewöhnlich in Arial, eine "klinische" Schriftart ohne Serifen, aber auch ohne Schnörkel oder besondere Designmerkmale, die dazu da ist so wenig wie möglich vom Inhalt des Textes abzulenken - professionelle Distanz in Schriftart-Form:


Und hier schlussendlich dersebe Text in ComicSans. Der ganze Absatz wirkt deutlich größer, freundlicher, gerundeter, weniger "erstzunehmen" und vielleicht ist das gerade der Punkt, warum der #ComicSansWritingHack tatsächlich funktioniert? Wenn wir uns weniger Gedanken machen, ob jedes Wort, das wir tippen gleich in Stein gemeißelt sein muss und es außerdem so aussieht, als würden sich die Seiten quasi von alleine füllen, dann ist das eine Motivation, die man vielleicht nicht unterschätzen sollte?


4. Zusammenfassung!
Ich denke der #ComicSansWritingHack hat seine Berechtigung, auch wenn sich der Effekt, wie in Punkt 2.2. vermutet, vielleicht irgendwann wieder abnutzt und dann eine andere Schriftart helfen könnte. Sollte dem aber so sein, können wir zumindest festhalten, dass gerundete, freundliche - nicht so gewichtige - Schriftarten für die Drafting-Phase mit ziemlicher Sicherheit zu bevorzugen sind.
Prinzipiell kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ComicSans fürs Schreiben gut funktioniert, fürs Überarbeiten stelle ich aber trotzdem wieder auf den alten Freund TimesNewRoman um, denn spätestens bei Line Edits möchte ich das Gefühl haben, dass das jetzt alles in Stein gemeißelt so stehen bleiben kann.;-)

Wer bisher hierher gelesen hat: Danke, jetzt fühle ich mich weniger nerdig! Und wer es also selber mal ausprobieren will, lasst mich wissen, ob es funktioniert, ich bin unheimlich neugierig.;-)

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