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08.07.2019

Avengers Infinity War. Oder: Narrativer Fokus & Gefühlsenzyme

Wie man sieht, war es wieder Zeit die MCU-Aufholjagdt fortzuführen mit dem Film, der mir am meisten Bauchweh bereitet hat - wie man inzwischen wissen dürfte, fand ich Civil War ziemlich Meh, also hatte ich arge Bedenken, dass das in einem Ensemble Movie wie Infinity War mit noch mehr Charakteren noch schlimmer werden könnte.
Aber, um es kurz zu machen, die Befürchtungen waren unbegründed und daher habe ich im Folgenden nur sehr wenig gefunden, dass ich anders erzählt hätte. Tatsächlich sogar weniger, als ich dann irgendwann zu Endgame loswerden werde.*

Wer sich die Langfassung sparen will, kann sich nur dieses eine Lob merken: Infinity War ist ein Film, der die Sache mit dem narrativen Fokus sehr gut hinbekommt.
Ich habe letztlich ein sehr seltsames Video zu den Schwächen von Crimes of Grindlewald vorgeschlagen bekommen (nein ich verlinke es nicht), das den Punkt zu machen versuchte, dass J.K. Rowling keine Drehbücher schreiben kann, weil sie nicht versteht wie viel schwieriger es ist ein Drehbuch zu schreiben als ein Buch. Warum? Im Buch könne man schließlich einfach erzählen wer eine neue Figur ist "Das ist Charakter Bla, er ist nett, aber hat eine schwierige Beziehung zu seinem Bruder", während man im Film alles zeigen und quasi "beweisen" muss... Was bei mir ein großes Fragezeichen erzeugt hat und die Frage aufgeworfen: Hat dieser Mensch jemals ein Buch gelesen...?
Halten wir also kurz fest, Narrativer Fokus und Show vs Tell ist in allen Formen des Erzählens wichtig und Infinity War macht in der Hinsicht Vieles richtig.
Let's do this!



So nachdem wir jetzt alle mal über HISHE gelacht haben - seht ihr, auch deswegen machen wir keine tagesaktuellen Filme mehr #keineLustaufSpoilerBeschwerden ;-) - kommen wir mal zum Komplimente Sandwich!

Divide & Conquer:
Infinity War teilt seine Protagonisten in Gruppen auf und gibt jeder Gruppe einen Konflikt und eine Aufgabe und das funktioniert ja so! viel! besser! als motivationslose Schulhofschlägereien. Die Sprünge zwischen den einzlenen Erzählsträngen helfen dem Pacing, aber vermeiden auch noch einen anderen "Sorgenfalten" Punkt, den ich im Vorfeld hatte: Die Dopplung oder sogar Tripplung von Archetypen...

Wie man ja weiß, halte ich MCU Filme nicht für das beste Binge Material und das liegt vor allem daran, dass sich die essentiellen Plot- und Charakterpunkte der einzelnen Filme oft nicht wirklich signifikant unterscheiden. Ich hatte also ein wenig Bedenken was passieren würde, wenn man einen Film machen würde mit Tony UND Rocket oder Tony UND Dr. Strange oder Star Lord UND Thor, wenn diese Figuren an sich fast derselbe Archetyp sind. Aber, Narrativer Fokus, der Film weicht diesem Problem realtiv elegant aus: 
- Thor und Starlord dürfen kurz ein bisschen Schwanzvergleichen, aber werden sofort wieder getrennt und durch die räumliche Trennung müssen wir auch überhaupt keine Zeit aufwenden für die Beziehungspflege von Tony & Steve, denn darauf haben wir alle keine Lust...;-)
- Dr. Banner funktioniert außerdem hervorangend als "Exposition Guy" für Leute, die ein paar Filme verpasst haben - Figuren, denen man ohne Logiklöcher Dinge erklären kann, die der Leser/Zuschauer auch evtl. nicht weiß, sind sehr wertvoll. #trustme ;-)
- Die einzige Archetypen Überlappung besteht also im Team-Arrogante-Wissenschaftler, aber der Konflikt wird zum Glück nicht überstrapaziert.

UND was wir auch nicht vergessen dürfen: Die Trennung von Dr. Strange und der Erden-Gruppe ist der absolut einzige Grund warum das Ende funktioniert - hätten Cap und Vision gewusst, dass es Time Magic gibt, hätte ihr Plan von Anfang an keinen Sinn ergeben. Suspension of disbelief muss man natürlich trotzdem leisten, denn ja, Dr. Strange ist der strongest Avenger, er kann quasi alles und hätte das Ding im Alleingang gewinnen können - aber wäre das der Film gewesen, den wir hätten sehen wollen...?
Und apropos der Film, den wir sehen wollten!;-)

Screentime wo sie mir fehlt:
1. "Asgard is not a place but a people....the people are now dead" fand ich leider dann doch genauso unbefriedigend, wie befürchtet. Ok Thanos ist groß und böse und beeindruckend, aber die Zerstörung und komplette Off-Screen-Action des Auftakts wäre nicht alternativlos, um das zu zeigen. Was ich aber fast noch schlimmer finde...Loki stirbt an reiner Dummheit. *sfz*
Ich wollte das ja bis Endgame für einen Trick halten, ala Überraschung er ist gar nicht wirklich tot. Aber nein, scheinbar stirbt er brutal aber unnötig, weil sein Plan Thanos zu "überlisten" von einem Dreijährigen zu durchschauen war. Hier wären mir ein paar Filmminuten lieber gewesen, um wenigsten Valkyrie (die in diesem Film nur einmal bewußtlos in der Ecke liegt^^) und Loki ein bisschen was Sinnvolles tun zu lassen.

2. Konnten wir wirklich nichtmal einen 10Sekunden Flashback einbauen für die Zerstörung von Zandar? Der ganze erste Guardians of the Galaxy beschäftigt sich mit diesem Planeten und dessen Rettung und dann geht er in einem hingeworfenen Nebensatz den Bach runter? Ja, Krieg ist schlimm und Thanos ist unerbittlich, aber trotzdem...Und apropos Nebensatz, wo ist eigentlich Nakia in diesem Film?!
2 meiner liebsten weiblichen Charaktere aus den letzen beiden Filmen finden hier also nicht statt. Screentime wo sie mir fehlt ymmv.

Screentime wo man sie hätte sparen können:
1. Let Thanos be the bad guy! Thanos "Plan" ist nicht besonders einfallsreich und auch wenig komplex - das mag man dumm finden, aber für einen Alien-Overlord-Bösewicht in einem Actionfilm erwarte ich nicht mehr. Man muss nicht aus jedem Bösewicht krampfhaft einen Killmonger zu machen versuchen und wir haben 3....4? Szenen in denen uns relativ lang und breit erzählt wird wie alternativlos alles ist und wie sehr er doch um Gamorra trauert und bla bla BLA. Das ist wenig überzeugend und erreicht eigentlich nichts, außer den Film der Kritik gegenüber zu öffnen, dass durch die Space Magic quasi eine Entschuldigung für abusive parents geschaffen wird "weil er liebt sie ja". Das stimmt zwar so nicht, weil die Space Magic - so wie sie erklärt wird - funktioniert wenn jemand *glaubt* dass er sein meist-geliebtes Wesen opfert, egal ob das was Thanos für Zuneigung hält tatsächlich Liebe ist. Aber spätestens die "Seelen-Begegnung" mit little Gamorra hätte man sich sparen können, sie bringt dem Charakter nichts, weil er immer noch ein böser Typ mit einem simplistischen Plan ist. Und mehr müsste er auch nicht sein.

2. Der Roboter hat Gefühle? Die zweite Sequenz, die man meinetwegen hätte einsparen können, ist die plötzliche Menschwerdung von Vision - es mag ja sein, dass das in den Comics vorkommt, aber im Film MCU kommt dieser Storystrang fast (jaja Suppe kochen in Civil War, aber pfff) aus dem Nichts. Seit wann kann Vision sich in einen Menschen morphen, hat er überhaupt die Enzyme für Gefühle, und wie kam dieses "wir nehmen uns eine Auszeit von Civil War und spielen Turteltäubchen" zustande...?
Narrativ soll hier Emphatie für den Charakter erzeugt werden, das ist mir schon klar, aber was es praktisch tut, ist eine Dopplung von Szenen zu schaffen: Jemand verlangt von seinem Geliebten ihn für the Greater Good umzubringen. Das ist nicht nur ein ziemlich altbackenes Trope und ziemlich unnett dem geliebten Menschen gegenüber, sondern auch ziemlich anfällig für "funktioniert nicht". Bei Peter & Gamorra was diese Szene aber immerhin verdient nach 3 Filmen Build-Up. Vision hätte dem einen Spin geben können und den total unemotionalen Calculus of War demonstrieren, aber statt dessen ist sein "Tod" quasi genau derselbe emotionale Beat wie vorher, nur dass diese Beziehung quasi 2 Minuten vorher erst aufgeploppt ist. Ich sage nicht, man soll es ersatzlos streichen, aber es hätte sehr viel kürzer sein können und dann hätten wir mehr Zeit für Anderes gehabt.

Wie gesagt, das ist alles zu 100% meine persönliche Präferenz und kein narratives Naturgesetz, aber das wären meine - ziemlich überschaubaren - Änderungsvorschläge. Ansonsten habe ich nichts zu meckern, auch wenn ich sehr froh war, dass ich schon wusste, dass Spiderman noch einen Forsetzungsfilm bekommt, ansonsten wäre ich "I don't feel so good" vermutlich ein bisschen an Herzschmerz gestorben. ;-)
Überhaupt hatte es wieder sehr viel Spiderman in diesem Film, schon das alleine ist 4,75 von 5 Skrull-Köpfe wert!

*Ja, inzwischen sind wir up-to-date, wir haben Endgame gesehen und es wird eine Rezi dazu geben - aber erst in ein paar Wochen, wenn der Film und seine Rezeption jedes Momentum und Hot-Take Potential verloren haben, denn das ist wie wir hier arbeiten...#spoilerparadies #sorrynotsorry ;-)

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