Netflix scheint sich ja inzwischen mit sich selbst auf ein Modell geeinigt zu haben in ein paar ausgewählte Projekte ab und zu sowas wie tatsächliche Mühe zu investieren, damit man sie in den Award Zirkus einspeisen kann - ich kenne mixed Reviews zu Frankenstein, aber das Budget für Kostüme und Set-Design sah auf jeden Fall überzeugend presverleihungsangemessen aus ;-) - und auch wenn ich nicht weiß, ob Knives Out: Wake Up Dead Man tatsächlich dazu gehört, hat man zumindest nicht das ganze Geld für Glen Close und Mila Kunis verpulvert und noch was für die Ausstattung übrig behalten.
Visuell mochte ich also schonmal viel an dem Film, der Hauptdarsteller macht neben Daniel Craig einen guten Job und man kann sich ganz gut unterhalten lassen. Mein Problem mit dem Film war leider ein philosophisches, denn ich stimme der zentralen Message einfach nicht zu. Das hat vor allem mit dem Ende zu tun, hier wird es also in jedem Fall keine spoilerfreie Zone geben. Also, wer nicht zum Club der Unspoilerbaren gehört, nehme meine lange Vorrede und den Trailer und komme dann später wieder. Klar soweit? ;-)
Es hat mich also nicht wirklich gestört (wenn das überhaupt das richtige Wort wäre), dass wir im dritten Knives Out Film wieder ein Locked Room Mystery machen. Ein Klassiker bleibt ein Klassiker und man kann viel Althergebrachtes gut und frisch erzählen. #esgibtkeineneuenIdeen und so. ;-)
Dass wir dazu das Framing Device nutzen die ganze Geschichte aus Sicht des "Hauptverdächtigen" erzählen zu lassen, mochte ich sogar sehr. Der idealistische Priester mit schwieriger Vorgeschichte ist ein Trope, das ich sogar mit Katholiken ertragen kann. Ich ganz persönlich beschäftige mich in meinen Geschichten ja bekanntlich lieber mit den dunklen Seiten organisierter Religion, aber sogar ich bin bereit zuzugestehen, dass es in jeder korrupten Organisation bestimmt gute Menschen gibt, die wirklich helfen wollen (oder zumindest nichts dafür können, was in ihrem Verein sonst so passiert).
Hier kommt dann aber leider mein fundamentales, philosophisches Problem mit der zentralen Prämisse des Story-Arcs zum tragen - das klingt hochtrabend und unnötig prätentiös, also lasst mich mal spoilern.
Ein zentrales Storyelement der Knives Out Serie bisher lag immer im Aufgreifen von aktuellen gesellschaftlichen Themen in einem sehr klassischen Crime-Plot-Konstrukt. Teil 1 hatte die Snobs und die Hausangestellten plus der Themen von generationenübergreifendem Reichtum und Trauma. In Teil 2 machen wir dann pseudo-clevere Tech-Bros, Influencer und Statussymbol-Kultur und nun in Teil 3 beschäftigen wir uns mit der amerikanischen Wiederentdeckung von Gotteskriegern und ihrer zynisch-konservativen Agenda.
Und hier kommt dann meine persönliche Präferenz für die Aufdeckung der zerstörerischen und zersetzenden Einflüsse von Religion auf die Menschheit in diametralen Konflikt mit Benoit Blancs persönlichem Damaskusmoment:
Unser Hauptdarsteller schlägt sich mit seinem inneren und äußeren Kampf um die "Seele" seiner Gemeinde herum, die von ihrem alt-right Priester auf genau den bigotten, sektiererischen Gotteskrieg eingeschworen werden, den die amerikanische Rechte heutzutage in alles stopft, egal wie absurd es ist. Aber anstatt dass wir uns am Ende irgendwie damit auseinandersetzen, verhelfen wir dem kleinen, fiesen Influencer-Arsch und posthum seinem Vater zu einem social media Sieg, damit die Täterin aus freiem Willen gestehen kann, "weil es sonst nicht zählt" und Benoit Blanc seinen Gegnern Großmütigkeit entgegen bringen will ...
Und meine Reaktion in dem Moment lässt sich ungefähr zusammenfassen mit: FUCK THAT!
Sorry, dass war unnötig unflätig, aber ich wollte den Fernseher anmotzen und habe mich heroisch zurückgehalten, irgendwo muss ich ja Frust ablassen. ;-) Der Film möchte mir diese Kapitulation irgendwie als Sieg des Guten über das Ego schmackhaft machen, aber am Ende ist es trotzdem eine Entscheidung, die die persönliche Befindlichkeit von Benoit Blancs Ego über das stellt, was ich als das Allgemeinwohl betrachten würde, weil ich nicht sehe wie es irgendwem irgendetwas Positives bringt bigotten Gotteskriegern einen neuen Heiligen/Märtyrer zu bescheren?
Wir beschäftigen uns mit diesen Konsequenzen auch 0, es wird mal erwähnt im feel good Epilog, dass der tote Arschlochpriester als neuer Heiliger eine ganze Welle an Arschlochanhängern im Internet mobilisiert, die nun in die Kirche unseres "guten Priesters" strömen werden. Aber wir wedeln dieses Phänomen so ein bisschen weg mit dem Hinweis, dass unser guter Priester bestimmt so gut ist, dass er damit schon umgehen und seine verirrten Schäfchen wieder zu Liebe und Licht führen kann.
Nennt mich zynisch, aber fuck that, ich kann nicht glauben, dass irgendwer das wirklich erwartet, die Welt scheint mir nicht so gepohlt. Aber es war offensichtlich wichtiger einer schrecklichen Frau einen Redemption-Blip zu gönnen, als zu verhindern, dass die schlimmsten Elemente der organisierten Religion die Narrative bestimmen ... oder wie nennen wir das, wenn jemand buchstäblich 2 Sekunden vor seinem Tod nochmal irgendwas Nettes sagt/tut und das framing uns suggeriert, dass wir das wertschätzen sollen, auch wenn es natürlich längst zu spät ist irgendwie bedeutsam ein besserer Mensch zu werden? Ein Arc ist es jedenfalls nicht, Redemption-Blip gefällt mir persönlich ganz gut.^^
Man darf mir gerne unterstellen, dass ich nur zu voreingenommen bin, um zu verstehen was die wahre Intention dieser Geschichte war und dem kann ich nur insofern widersprechen, dass es sowas wie eine wahre Intention im Fortgeschrittenenkurs für media literacy nicht gibt. ;-) Aber ja, ich habe mich geärgert, weil ich keine Gedult mit religiöser Kriegsrhetorik habe und Menschen die sie verwenden keinerlei Sieg gönne - und weil mir mindestens 3 Wege einfallen würden diese Ende so zu drehen, dass man die Sünderin aus freien Stücken gestehen lässt, ohne dass es darauf hinauslaufen muss.
Aber gut, irgendwer hat sich irgendwas dabei gedacht, es gefällt mir nur nicht und ich unterstelle, dass die Implikation nicht zuende gedacht ist, was nicht zwangsläufig stimmen muss. Mehr als 3,5 von 5 Boxhandschuhen kann ich mir trotzdem nicht abringen, wie wir schon feststellten, muss man manchmal einfach auf dem philosopischen Nitpicking bestehen. ;-)
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