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06.09.2019

The Last Czars. Oder auch: Studien zu Scheitern auf hohem Niveau

Manchmal bin ich ja geradezu beruhigt darüber, dass Netflix, Audible und Co mir ganz schreckliche Dinge vorschlagen - also nicht im Sinne von "schlecht", sondern im Sinne von "wie kommt ihr darauf, dass ich sowas mögen könnte, kennt ihr mich überhaupt?!";-)

Das mit dem "Big Brother Algorhytmus weiß alles über uns", stimmt also schonmal nicht, aber manchmal muss auch ein Blindes Cyber-Huhn ein Pixel-Korn finden und daher war ich von Netflix letztem Vorschlag The Last Czars schon ziemlich begeistert. "Dramatisiert, muss nicht stimmen" definitely applies, aber damn ist die Dramatisierung gut, schaut es euch an:



Ich habe nur die Englische Tonspur getestet und man kann jetzt natürlich der Meinung sein, dass Rasputin mit einem dicken schottischen Akzent eiiiigentlich nicht wirklich Sinn macht. Aber ich denke wer auch immer das Script für die Serie geschrieben hat, hat sich schon ein paar wertvolle Gedanken dazu gemacht, wie man die grundlegende Essenz der Figuren einfängt.

Wie auch schon in Buchform, muss man hier natürlich damit leben, dass komplexe historische und gesellschaftliche Zusammenhänge haarklein zu erklären, nicht das Ziel der Darstellungsform ist. Es geht um Schlaglicht-Wissen, opulente Kulissen, aufwendige Kostüme und darum die "menschliche Wahrheit" hinter den trockenen und tragischen Fakten zu verfilmen.

Dieses Ziel erreicht man in jedem Fall und ich würde daher diese Kurzserie (ich konnte das an einem Nachmittag kuken und ich stehe eigentlich nicht auf bingen) auch als Fortsetzung meines Plädoyers für die Erlaubnis zu Scheitern sehen.
Die Sache ist ja die: Die Leute, die hier porträtiert werden, können einem aus einer rein modernen Perspektive heraus nicht wirklich sympathisch sein - dekadente Klassentrennung, autokrate Monarchien und sterbende Bauern sind einfach kein Material, aus dem man Helden strickt.

Aber die Tragik des rein menschlichen Scheiterns kann man trotzdem nachvollziehen und daher funktionieren die letzten Romanows auch als Hauptdarsteller, ohne dass man zwnagläufig auf ihrer Seite sein muss. Man könnte also auch im Fiktionalen mal wieder ein wenig mutiger werden, diese goldene Regel "dein Hauptcharakter muss vor allem dem Leser sympathisch sein und man muss mit ihm mitfiebern" ist nicht unbedingt immer alternativlos.;-)

Definitiv eins meiner Doku-Highlights bisher - opulenter als Losers, aber auf seine Art genauso faszinierend!

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