Publikationen, Projekte, Persönliches

25.05.2020

The Circle. Oder auch: Framing Dystopia?

Nur ein sehr unzusammenhängender "hab ich mal drüber nachgedacht" Blog heute, weil ich wenig Zeit habe, aber eine Wiederholung des Phänomens aus The Passage - ein Film, über den wir zufällig stolperten und angelassen haben, weil der Ehemann das Buch gelesen hat und wir uns nicht vorstellen konnten, dass Hollywood das Ende so lassen würde...Und wir hatten Recht!;-)

Falls man also Buch oder Film noch konsumieren möchte ohne meine Gedanken dazu zu kennen, einfach den Spoilerausgang links nehmen!




Noch da? Hervorragend, dann mal los!

1. Shiny new future
Für diejenigen, die nicht wissen worum es in The Circle geht, aber die auch keinen Wert darauf legen das Buch zu lesen oder den Film zu sehen - so richtig erfolgreich war der auch nicht, sieht man daran, dass es keine Satire und oder Analysevideos dazu zu finden gab, sondern nur den langweiligen Trailer...;-) - der sei kurz auf die Arbeitshypothese der Story hingewiesen:
Wir leben in einer nicht zu fernen Zukunft, in der Kameras und Drohnen überall sind und das Internet quasi von The Circle ersetzt wurde, einem Google/Facebook/YouTube Megatool, das quasi alles kann. Und nun folgen wir einer jungen Frau, die sich in dieser Firma hocharbeitet und quasi das neue Gesicht des "jungen Circles" wird und erfahren nebenher alle möglichen gruseligen Dinge, die diese Firma entwickelt und tut, zu "Customerservice" und "Sicherheitszwecken". Klar soweit?;-)

2. Wo es unwahrscheinlich wird...
Ich fand Vieles an dieser Prämisse im Film (habe das Buch auch diesmal selbst nicht gelesen, weiß nur welche Stellen der Ehemann angemotzt hat;-) sehr gut umgesetzt - die Datenanalystin, die es total cool findet Kindern Mikrochips einzupflanzen "weil Entführungen und Missbrauch", der hippe Campus, auf dem es total freiwillige, aber irgendwie doch nicht freiwillige 24/7 Arbeit gibt und die Rundum-Überwachung, die ja ach so viele Leben rettet, werden in einer Weise präsentiert, die gruselig realistisch wirkt.
Aber an 2 Punkten bin ich dann doch ausgestiegen:
1. Internet eehh?
Der Circle ersetzt quasi das Internet durch eine Plattform, die sich über Werbung und Mikrotransaktionen finanziert. Das fand ich schon bei Ready Player One so ein...what? Die ganze Gamingszene läuft Sturm gegen diese Mechanismen, aber in 50Jahren haben sie damit "das Internet" ersetzt? Hmmmm…ist ein kleiner Strech, muss man seine suspension of disbelief schon einschalten und dann auf 100 hochdrehen bei:
2. Wo ist der Abuse?
Ganz ehrlich, diese junge Frau, gespielt von Emma Watson, stellt irgendwann ihr ganzes LEBEN online, jeden einzelnen Moment davon, außer 10Minuten Klo-Pause jeden Tag und das einzige was ab und zu mal über den Bildschirm flimmert sind so milde-beleidigende Kommentare über ihre Frisur?! Sorry, aber das ist *nicht* repräsentativ für die Erfahrung eine Frau mit Internetplattform zu sein und ich hoffe das wisst ihr auch...? Immerhin konntet ihr mir die Troll-Verfolgung bei ihrem Freund zeigen, aber nicht hier...?
Wenn man schon darauf hinauswill, dass Internet = gut gemeint, aber creepy umgesetzt ist, dann zeigt mir bitte auch die hässliche Fratze der Trollarmee und Stalkerbrigarde.

3. Das Ende der Geschichte
Der Midpoint des Films und auch scheinbar des Buches ist der Unfalltod eines guten Freundes unserer Hauptheldin, weil er in einer Verfolgungsjagdt mit Drohnenkameras von einer Brücke fährt - in wie weit das direkt ihre Schuld ist, bleibt dahingestellt, aber sie hatte definitiv damit zu tun.
Im Buch nimmt sie das irgendwann hin, gibt ihm die Schuld dafür, dass er sich der schönen neuen Welt verschließen wollte, die sie erschaffen und wird eine der Hauptstützen des neues Systems...
Insofern nicht unbedingt ein Happy End und ziemlich deprimierend, aber ein Ende, dass Dystopia durchaus haben kann - es muss eben am Ende nicht immer alles gut werden.
ABER!
So ein Ende für einen Hollywood-Film? Naaa, das können wir nicht bringen, oder? Keine Sorge tun wir auch nicht, also ist unsere Heldin in dieser Version tief getroffen davon, dass ihr Freund tot ist, ihre Eltern keine Lust mehr darauf haben sich im Internet präsentieren zu müssen und ihre beste Freundin am Arbeitsdruck kaputt geht - und drängt am Ende die bösen Firmenoberbosse mit Hilfe des reclusive Firmengründers raus, um Sultan anstelle des Sultans zu werden...
Und das ist...Hollywood...
Weil es geframed wird als "die Bösen sind besiegt und die Guten haben gewonnen", der arme Programmierer, dessen gute Idee zu bösen Zwecken verwendet wurde und die neu-geläuterte Online-Performerin werden jetzt alles besser machen. Aber der geneigte Zuschauer - zumindest dieser Zuschauer mit 3 Seminaren zur Technik-Ethik unter dem Gürtel - denkt sich....Nääähh, ganz so einfach kann es doch bitte nicht sein, oder?
A good king does not a good kingdom make - ein korrupter CEO alleine macht noch keine menschenverachtende Firma...und nichts davon haben wir wirklich geändert, also....? Läuft dann alles weiter wie bisher, aber jetzt ist das cool, weil wir sind ja die Guten, ok bye?

Ich sage nicht, dass ich ein Ende besser fand als das andere - die "wir stellen die schleimigen Bosse bloß" Szene war schon nice, aber da ist der Film dann plötzlich zu Ende, damit wir uns bloß nicht über die Konsequenzen Gedanken machen müssen.
Schadet aber nicht, so als kleine Fingerübung, denn egal ob wir jetzt ein hopepunk Ende haben oder ein düsteres, Konsequenzen hat beides und der Film entscheidet sich aktiv dagegen das zuzugeben, was....nicht der beste Take ist, den man haben kann.
#justsaying ;-)

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Vielen Dank!