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28.06.2019

Listening to: The Lady in the Tower

So, einen letzten #TudorVerse Post müsst ihr noch ertragen, aber danach sollten wir erstmal wieder "durch" sein und der enge Wohlfühl-Tunnel ist ja auch nicht mehr notwendig, denn heute ist nicht nur mein Geburtstag, sondern auch die Deadline für meine braven Beta-Leser, das heißt das nächste Buch-Baby sollte inzwischen auf dem besten Weg zur letzten Überarbeitung sein!

Und um das zu feiern (unter anderem) hier ein Geburtstagspost zu meiner all time favourite historical person, auch wenn das Hörbuch dazu eher unter dem Header laufen muss "Die Apotheose des Meh..." - aber das war als Titel etwas lang und muss daher unser Mission Statement sein. ;-)
Aber bevor wir und zu weit ins kryptisch-negative vorwagen, worum geht es in The Lady in the Tower geschrieben von Alison Weir, gelesen von Judith Boyd?

 New York Times best-selling author Alison Weir tells the spellbinding tale of the last days of Henry VIII’s second wife. Accused of adultery, incest, and treason, Anne Boleyn is locked in the Tower of London on May 2, 1536. Despite maintaining her innocence, she’s quickly condemned to death. Soon, one sword stroke sends her into eternity. But as her remains rot in the sun—unblessed by coffin, marker, or funeral—few know the truth behind her swift demise.

Erstmal ist ja vermutlich die Frage gerechtfertigt: Wenn Anne Boleyn doch meine favourite historical person of all times ist - was man am Tattoo unter anderem ablesen könnte ;-) - warum komme ich dann zu diesem Buch erst jetzt?
Das ist eine gute und berechtigte Frage und die Antwort ist ziemlich simpel: Weil ich irrtümlicherweise dachte, es wäre ein Roman und keine Biographie...
Das soll mich jetzt nicht dümmer aussehen lassen, als ich (manchmal) wirklich bin, denn zum einen schreibt die gute Ms Weir durchaus beides und der Titel klingt jetzt wenig eindeutig...oder zumindest weniger eindeutig nach Sachbuch als "The Life of...", no?;-)

Tatsächlich bin ich erst durch The Creation of Anne Boleyn (DAS Sachbuch aller Zeiten, ich liebe es so heiß und innig) darauf gekommen, dass es eine Sachbuch-Biographie von Alison Weir zum Thema gibt, denn die kommt in der Besprechung ab und zu schonmal zu Sprache und nicht sooo oft lobend... da musste ich mich doch gleich selbst man davon überzeugen, wie schlimm es tatsächlich ist!;-)

Und wie man an der "Apotheose des Meh" ablesen kann...ja es ist ein bisschen schlimm...
Vor allem aber ist es genauso inkonsistent, wie in The Creation anmoniert: Quellenkritik ist ja mein ewiges cetero censeo in historischer Analyse, man muss *immer* hinterfragen wer wann was zu wem und aus welchem Grund sagt, um den ungefähren Wahrheitsgehalt der Aussage abzuschätzen - "neutrale" Berichterstattung war damals noch kein Begriff, so sie es denn heute ist...
Und wenn man das richtig machen will, dann kann man nicht am Anfang eines Kapitels sagen "Die Briefe von Person XY sind nicht wirklich zuverlässig, weil er ja jeglichen bösartigen Klatsch als Fakt verkauft" und dann für den Rest des Kapitels seine Narrative auf den Aussagen aus diesen Briefen aufbauen.... das ist Hulk-Smash Level of Facepalm!

Das an sich lustigste an dem Buch, wie es heute ist, ist allerdings die Tatsache, dass es eine überarbeitete Version ist, die tatsächlich an einigen Stellen "some historians" kritisiert, die der Autorin (ihrer Meinung nach) völlig zu Unrecht vorwerfen auf diesen bösartigen Klatsch hereingefallen zu sein, was natürlich überhaupt nicht stimmt... Das ist Historiker-Drama auf sehr hohem Telenovela-Niveau und führt dazu, dass sich durch das ganze Buch Passagen ziehen, die ein für allemal klarstellen sollen, dass die Autorin nicht an die Schuld von Anne Boleyn glaubt und auch noch nie geglaubt hat. Direkt gefolgt von (ich nehme an) dem ursprünglichen Buch, in dem jede merkwürdige Anschuldigung untersucht wird, als wäre sie Fakt.

Das liest sich am Ende völlig unfreiwillig komisch: "Diese Anschuldigungen waren alle an den Haaren herbeigezogen, wir haben keine Beweise dafür! Andererseits gab es ja Hexen damals, also wer kann sagen, ob sie nicht wirklich eine Hexe war...?"
Das ist wirklich ein Beispiel aus dem Buch, ich habe mir das nicht ausgedacht!^^

Zwischen der tatsächlich interessanten Aufarbeitung der Chronologie von Anschuldigungen und Prozess müssen wir uns also immer mal wieder mit seltsamen Aussagen herumschlagen wie: "Wenn sie unschuldig gewesen wäre, hätte man sie ja nicht verurteilt" - eine sehr gewagte These für die Zeit von Henry VIII, dessen eigener Kanzler uns das Zitat überliefert hat "Wenn es der Krone nützte, würde man herausfinden, dass Abel der Mörder von Kain war."

Abgerundet wurde mein großes Hä? dann noch von einem Kapitel, das sich (und auch das denke ich mir nicht aus!) damit beschäftigt, ob die diversen Geister-Sichtungen in diversen britischen Herrenhäusern tatsächlich etwas mit dem Geist von Anne Boleyn zu tun gehabt hätten haben können...
Ich bin ja bereit auf dem Hügel zu sterben, dass Populärwissenschaft sinnvoll und bereichernd ist, aber Geister-Forschung...? Ich war nicht mehr so verwirrt, seit mir der Epilog zur Biographie von Einstein erzählt hat, wo sein Gehirn überall hingereist ist, nachdem er tot war - und das waren wenigstens noch belastbare Fakten!;-)

Ich bin bereit trotzdem 3 von 5 Henkersmahlzeiten zu vergeben, einfach weil ich sehr viel Spaß hatte am High Drama und ein paar interesannte Details gibt es ja durchaus auch - ich würde aber in jedem Fall empfehlen danach noch The Creation of Anne Boleyn zu lesen (überhaupt sollte jeder Mensch immer dieses Buch lesen!), dann kann man wenigstens mitlachen.;-)

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